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Lübeck Eine Tafel für den Retter Lübecks
Lokales Lübeck Eine Tafel für den Retter Lübecks
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17:59 20.06.2017
Der Hamburger Bankier Eric (ursprünglich Erich) Moritz Warburg (1900-1990) auf einem undatierten Foto. Quelle: Foto: Ullstein
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Innenstadt

Ende 1943 rief Eric Warburg, emigrierter Deutscher, Jude und Offizier der US Army, aus England seinen Bekannten Carl Jacob Burckhardt in der Schweiz an, einen hohen Funktionär beim Internationalen Roten Kreuz. Er machte ihm einen Vorschlag: Wie wäre es, die Hansestadt Lübeck zum Umschlagplatz von Gaben für die Kriegsgefangenen der Alliierten zu machen?

Eric Warburg verhinderte 1943 die völlige Zerstörung der Altstadt – Private Initiative für Gedenktafel.

Burckhardt war einverstanden. Damit war Lübecks historisches Zentrum gerettet vor einem weiteren, vernichtenden Luftangriff der Royal Air Force. Doch in der Altstadt erinnert heute nichts an Warburg und seine große Tat.

Der in Lübeck aufgewachsene Hamburger Online-Manager Christian P. Schlichte (48) möchte das ändern. Er stieß auf die Geschichte, als seine inzwischen verstorbene Mutter in Lübeck darüber einen Vortrag hielt. Sie hat ihn nicht losgelassen. „Wenn Eric Warburg nicht gewesen wäre, könnten wir jetzt nicht“, er weist auf den nächstgelegenen Kirchturm, „dahinten die Jakobikirche sehen.“ Schlichte will, dass in der Innenstadt eine Gedenktafel für Eric Warburg errichtet wird – zusätzlich zu der Klappbrücke über die Trave, die seinen Namen trägt. Dafür wirbt er jetzt um Unterstützung.

Warum setzte sich der Hamburger Bankier Eric Warburg, der von den Nazis aus Deutschland vertriebene Jude, für Lübeck ein? Antworten darauf weiß sein Sohn Max Warburg (69), Geschäftsführer der Bank M. M. Warburg in Hamburg. Sein Vater habe während seiner Ausbildung ein halbes Jahr im Stahlwerk Herrenwyk gearbeitet. „Er hatte eine große Liebe zu der Schönheit der Stadt.“ Auch später sei Eric Warburg oft in Lübeck gewesen. Eine lebenslange Freundschaft habe ihn mit dem Kunsthistoriker Carl Georg Heise verbunden, der in den 20er Jahren als Direktor das St.-Annen-Museum prägte.

Eric Warburg war ein angesehener Bankier in Hamburg. Doch weil er Jude war, wurde sein Leben von 1933 an zusehends unerträglich. 1938 emigrierte er in die USA. „Die Abneigung gegen dieses Deutschland war natürlich gewaltig“, sagt sein Sohn. „Aber er hatte die Fähigkeit zur Differenzierung. Er hat nicht gedacht: ,Alle Deutschen sind Schweine.‘“ Ende 1943 wurde er als Verbindungsoffizier zur Royal Air Force nach England kommandiert. Dort erfuhr er von dem Plan, Lübeck nach dem Angriff von Palmarum 1942 noch einmal zu bombardieren. „Er fand das Ganze hochgradig unmilitärisch und unanständig“, erinnert sich Max Warburg. Nach dem Krieg sei er gebeten worden, als Richter an den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen mitzuwirken. „Aber er hat gesagt: ,Das müssen die Deutschen machen, sonst ist es nicht glaubwürdig.‘“ Nach dem Krieg kehrte Eric Warburg nach Deutschland zurück. „Er fühlte sich kulturell als Deutscher.“ Von seiner Rolle bei der Rettung Lübecks habe er nur im privaten Umfeld erzählt. „Er war bescheiden, und er mochte die Öffentlichkeit nicht.“

Nach Carl Jacob Burckhardt, der 1945 Präsident des Internationalen Roten Kreuzes wurde, benannte Lübeck 1957, noch zu seinen Lebzeiten, ein Gymnasium. Eric Warburg starb 1990 – und erst 18 Jahre später wurde die Brücke, die seinen Namen trägt, für den Verkehr freigegeben. „Es weiß eigentlich kaum jemand, warum die Brücke so heißt“, sagt Christian P. Schlichte. Deshalb wünscht er sich eine Tafel, auf der nicht nur der Name steht, sondern auch, dass Warburg Lübeck vor der Vernichtung bewahrte. Ein denkbarer Standort wäre für ihn der Hof des Hansemuseums, von dem aus man die Warburg-Brücke sehen kann. Max Warburg unterstützt Schlichtes Initiative: „Ich finde das sehr honorig, dass er das macht.“

Emigration und Rückkehr

1900 wird Erich Moritz Warburg als Sohn des Bankiers Max Warburg in Hamburg geboren. Sein Onkel ist der Kunsthistoriker Aby Warburg. Als junger Mann wird er Teilhaber der Bank M. M. Warburg.

1938 emigriert Warburg in die USA und ändert seinen Vornamen in Eric. Nach dem Krieg kehrt er zurück und übernimmt wieder die Bank, die seine Vorfahren 1798 gegründet hatten. Er wird ein enger Freund von Helmut Schmidt.

1990 stirbt er in Hamburg.

Hanno Kabel

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