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Lübeck Eine leere Kirche voller Kunst
Lokales Lübeck Eine leere Kirche voller Kunst
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01:27 12.06.2018
Um die Größe des Raumes zu verdeutlichen, baut Uwe Appold kleine Gebäude aus bemalten Zeichenkarton. Quelle: Fotos: John Garve
Innenstadt

Die Marienkirche: Die Mutter der Backsteingotik. „Ein Kirche mit einem unheimlichen Raumluxus und einem gigantischen Volumen“, sagt Annegret Wegner- Braun, Pastorin in St. Marien. Architektonisch sei die Rats- und Bürgerkirche so angelegt, dass der Blick automatisch in die Höhe gehe, sagt sie und legt dabei den Kopf in den Nacken. „Bei dem Projekt geht es darum, diesen Raum neu zu entdecken“, sagt die Pastorin. Dazu wurde sie von weitgehend allem beweglichen Mobiliar befreit. Die gotische Architektur könne unverstellter gesehen und erlebt werden. Eine Kirche ohne Stühle sei hingegen keine neue Idee. „Man saß nicht in der Kirche, sondern man stand“, erklärt Wegner- Braun. Erst zu Anfang des 17. Jahrhunderts wurde angefangen, die Kirche mit Sitzgelegenheiten zu füllen.

Ein seltener Anblick: Der Kirchenraum von St. Marien ist leer. Das gesamte Mobiliar wurde für das zweiwöchige Erlebnis- Kunstprojekt „Haus aus Licht“ ausgeräumt. Die freie Fläche dient bis zum 25. Juni als Bühne für bildende Kunst und Tanztheater. Das Motto: „Altes neu sehen“.

Besonders an St. Marien sei vor allem das Licht, das die Kirche erhellt. Daher auch der Titel des Projekts: „Haus aus Licht“. Ein wichtiges Element der Gotik war nämlich, dass das Licht ins Innere der Gebäude geholt wurde, fügt sie hinzu. „Die Gotik hat sich bemüht, den Himmel auf die Erde zu holen. Also den Menschen einen Eindruck zu geben, wie der Himmel einmal sein könnte“ sagt Wegner- Braun. Mit dem Projekt soll der Blick auf die Kirche verändert werden. Dazu wurden Künstler eingeladen, in der Kirche Kunst zu schaffen. In dieser Woche steht die bildende Kunst mit acht Künstlern aus ganz Deutschland im Fokus. In der nächsten Woche arbeitet Tänzerin und Choreografin Ulla Benninghoven als Solistin und mit wechselnden Ensembles in der Kirche. Die täglichen Besucher haben so die Möglichkeit, den Künstlern über die Schulter zu schauen. Die Künstler wurden gebeten, möglichst unvoreingenommen ohne fertiges Konzept zu starten, damit sie sich von dem Raum voll und ganz inspirieren lassen.

„Mich interessiert die Geschichte dieses Ortes“, sagt der Künstler Uwe Appold. Mit Acryl bemalte Zeichenkartons formt er zu kleinen Miniaturhäusern, die mit einem kleinen LED-Licht im Inneren leuchten. „Meine Kunst kehrt den gotischen Gedanken, Licht ins Innere zu holen, um. Es bringt das Licht nach außen“, sagt Appold. Interessant an dem Projekt sei, dass man durch die Leere des Raumes die Größe des Bauwerks erst richtig spüre. „Ich mache ganz kleine Arbeiten, damit das Große noch größer wird“, sagt Appold, der normalerweise mit Granit und Stahl arbeitet.

Matthias Kempendorf widmet sich mit seinem Werk der altertümlichen Enkaustik-Maltechnik aus dem alten Ägypten. Dabei werden natürliche Farbpigmente mit Bienenwachs als Bindemittel gemischt und warm vermalt. Die einzelnen Farbschichten werden anschließend mit einem Lötbrenner eingebrannt, um haltbar zu bleiben. „Es ist eine große Herausforderung in so einem riesigen Gebäude zu arbeiten. Die Höhe, Größe und das Alter der Kirche inspirierten mich, diese alte Maltechnik zu verwenden“, sagt Kempendorf.

Mit einem Fernglas ausgestattet, liegt die Lübecker Künstlerin Ute Lübbe auf dem Steinboden und sucht mit scharfem Blick das Gewölbe nach Verborgenem ab. „Ich möchte mit meiner Kunst das Versteckte aus der Höhe holen und für jeden sichtbar darstellen“, sagt Lübbe. Zeichnungen von Hirschen, Vögeln und Löwen entdeckte sie in den Deckenmalereien. Unsichtbar für den Betrachter von unten. „Ich finde die Idee sehr mutig, diese Kirche freizuräumen.“

Altes neu sehen

Das Erlebnis-Kunstprojekt „Haus aus Licht“ läuft bis zum 25. Juni. Jeden Mittag um kurz nach 12 Uhr findet das „Wort zum Alltag“ statt. Dort wird das Projekt diskutiert. Anzutreffen sind die Künstlerinnen und Künstler täglich bis zum 16. Juni von 10 bis 18 Uhr. Jeder Besucher ist eingeladen, den Künstlern bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Am 12. und 13. Juni ist die Kirche bis 22 Uhr geöffnet. Die Gottesdienste finden weiterhin statt.

 Fabian Boerger

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