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Lübeck Einfach treiben lassen: Eine Bäckerin auf Wanderschaft
Lokales Lübeck Einfach treiben lassen: Eine Bäckerin auf Wanderschaft
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20:21 10.09.2016
Wandergesellin Julia (25) spricht mit Bäckermeister Carsten-Peter Schwartz (57) vom Freibackhaus über die verschiedenen Vollkornbrote. Quelle: Cosima Künzel

Handy, Geld, Schlüssel. Ohne diese drei Dinge gehen die meisten Leute ungern aus dem Haus. Julia (25) hat nicht nur diese drei Sachen daheim gelassen, sondern eigentlich alles, was sie besitzt. Und dabei ist sie nicht nur einen Tag unterwegs, sondern drei Jahre und einen Tag. Vielleicht sogar länger. Julia ist eine Bäckergesellin auf der Walz.

Mit schwarzem Zylinder, karierter Jacke im Pepitamuster und munteren grünen Augen sitzt sie im Lübecker Freibackhaus am Tisch und erzählt von ihrer Wanderschaft. Es ist zehn Uhr morgens, und sie hat ihr Tageswerk getan. Zwei Wochen wird sie in der Vollkornbäckerei in der Glockengießerstraße wahrscheinlich noch arbeiten. Danach zieht sie weiter. „Man reist, um zu arbeiten, und arbeitet, um zu reisen.“ So ist sie seit anderthalb Jahren unterwegs: von ihrem Heimatort bei Hannover kreuz und quer durch Deutschland und Europa. Es gibt Ziele und manchmal auch Termine, die man sich setzt, sagt sie, aber eigentlich ist die Strecke ein Ergebnis aus Begegnungen und Zufällen.

Denn die Wandergesellen dürfen für das Übernachten und Reisen kein Geld ausgeben. Sie sind zu Fuß unterwegs, trampen oder verdienen sich die Mitnahme – etwa auf einem Schiff – durch Arbeit. Julia ist so bis Dänemark im Norden und Portugal im Süden gelangt. „Es hat sich immer so ergeben, man lässt sich treiben.“ Überall hat sie in Bäckereien und Konditoreien gearbeitet und dafür mal den üblichen Gesellenlohn, mal Essen und Unterkunft bekommen. Aber wie für jeden Wandergesellen gilt: „Wir gehen ohne Geld los und kommen ohne Geld heim.“

Schon seit dem Mittelalter verlassen junge Handwerksgesellen ihre Heimat, um fremde Gegenden zu entdecken. Auf der Walz lernen sie nicht nur andere Traditionen und Techniken kennen, sondern auch Gleichgesinnte. Aber vor allem beim Start sind die Kontakte unverzichtbar. „In der Regel hat man einen Altgesellen, der einen zu Hause abholt und einem zeigt, wie man künftig klarkommt.“ Julia hatte die ersten zwei Monate Begleitung. „Das muss passen, denn man ist 24 Stunden zusammen.“

Auf ihre Wanderschaft hat sie dann nur das mitgenommen, was in ihre Tücher passt. Die sogenannten „Charlottenburger“ werden zu einem oder mehreren Bündeln geschnürt und über der Schulter getragen.

Julia hat ihre Reisekleidung – die Kluft – , Bäckerhose und T-Shirt, Schlafsack, Wanderbuch, ein paar persönliche Dinge sowie wenige Wechselsachen dabei. „Im Winter ist die Kluft zu kalt, im Sommer zu warm, so ist das halt.“ Sogar ihren Nachnamen hat sie zu Hause gelassen, alle sind per du, und Schlafkomfort kennt sie schon lange nicht mehr. Julia gibt sich zufrieden mit einem Platz unterm Küchentisch, im Gemeindesaal, auf dem Waldboden, im Krankenhausfoyer oder auf dem Wohnzimmerteppich. „Ich kann nicht mehr sagen, wo ich überall geschlafen habe“, sagt sie lachend, „aber nach drei Tagen weiß man eine Matratze wieder zu schätzen.“

Früher musste jeder Geselle, der Meister werden wollte, auf die Walz gehen. Das ist heute nicht mehr so. Trotzdem entscheiden sich laut Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks viele dafür, weil sie sich weiterbilden und die alte Tradition der Wanderschaft mit Kluft, Hut und Stenz pflegen wollen. Für Julia war der Weg dorthin aber keineswegs geradlinig. „Nach meinem Abitur habe ich anderthalb Jahre Naturschutz und Umweltplanung studiert: nicht das Richtige.“ Es folgte ein Praktikum in einer Bäckerei. „Das war etwas ganz anderes, aber gut. Endlich körperlich arbeiten und sehen, was man geschafft hat.“ Sie bekam einen Ausbildungsplatz angeboten, lernte viele Betriebe kennen, war sechs Wochen auch in Frankreich. Das war wohl der Beginn ihrer Wanderleidenschaft.

Wo sie eines Tages beruflich ankommen will, das weiß sie noch nicht. „Es gibt den Traum von einer eigenen Bäckerei oder einem Café, aber das ist nur im Moment“, sagt Julia. Für die kommenden anderthalb Jahre nennt sie Österreich, Schweiz, England, Frankreich, Irland, Schottland und Island als ihre möglichen Ziele. Aber – wie gesagt – man lässt sich treiben.

Dass sie das als Wandergesellin macht, findet Bäckermeister Carsten-Peter Schwartz (57) vom Freibackhaus „wirklich außergewöhnlich“. Er hatte schon viele Wandergesellen in seinem Betrieb, aber noch keine Frau. Julia findet die Walz normal. „Was soll für einen Mann anders sein?“, fragt sie und macht sich langsam auf den Weg in den Feierabend. Manchmal verbringt sie den mit einem Buch aus öffentlichen Bücherschränken oder sie liegt auf einer Wiese. „Man braucht so wenig, um gut zu leben.“ Und das Wichtigste sei doch Zeit, sagt sie, und die Freiheit, darüber zu entscheiden.

Vorstrafen nicht erlaubt

600 junge Handwerker sind laut Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks e.V. derzeit auf Wanderschaft. Es sind vor allem Tischler und Zimmerer, aber auch Gesellen anderer Gewerke wie Steinmetze, Installateure, Gold- und Silberschmiede, Schneider, Fleischer, Konditoren und Bäcker.

Der Verband schätzt, dass derzeit 15 Bäcker und zwei Bäckerinnen unterwegs sind. Hundertprozentige Zahlen gebe es nicht, da sich die Gesellen nicht beim Verband melden müssen. Starten kann jeder, der einen gültigen Gesellenbrief hat, der schuldenfrei, nicht gebunden, unter 30 Jahre und nicht vorbestraft ist.

Infos auf www.baeckerwalz.de

Cosima Künzel

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