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Lübeck Enge Nachbarschaft per Internet?
Lokales Lübeck Enge Nachbarschaft per Internet?
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09:03 11.07.2016
Dieser Flyer ging offensichtlich an alle Haushalte der nördlichen Altstadtinsel. Gabi Bannow (57) war erst skeptisch, als sie den Handzettel bekam, findet die Idee des Portals aber interessant. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Innenstadt

„Liebe Nachbarn der nördlichen Innenstadt“, steht auf dem Handzettel, den jetzt unzählige Haushalte der Altstadtinsel im Briefkasten stecken hatten. Eine Gruppe von Anwohnern möchte laut Flyer ihre Nachbarn besser kennenlernen. Dafür habe man online auf nebenan.de die Nachbarschaft „Innenstadt Nord“ ins Leben gerufen, um nachbarschaftliche Aktivitäten zu planen oder lokale Empfehlungen von Babysittern, Ärzten oder Handwerkern zu teilen. Ein Passwort stehe auf dem Zettel, damit nur diejenigen mit Flyer auch wirklich Zugang hätten. Ziemlich persönlich klingt das Ganze, ist zudem auch mit dem Vornamen und dem Wohnort der Initiatorin maschinell unterschrieben. Doch ist für die Aktion wirklich eine echte Nachbarin verantwortlich?

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Mit dem sozialen Netzwerk nebenan.de sollen Anwohner dichter zusammenrücken, Werkzeuge ausleihen oder Nachhilfe anbieten – Eine Lübeckerin initiierte die Aktion jetzt auch in der Innenstadt, allerdings ohne es zu wissen.

„Das Netzwerk bleibt kostenfrei.“Christian Vollmann, Unternehmer

Wer auf die angegebene Internetseite geht, merkt schnell, dass es sich um ein soziales Netzwerk handelt, hinter dem ein privates Unternehmen steckt. Trotzdem gibt es die Nachbarin, die den Stein für die nördliche Innenstadt ins Rollen brachte, wirklich. Allerdings hat sie die Flyerverteilung, ohne es zu wissen, gestartet. „Ich habe von nebenan.de gelesen, fand die Idee super und habe mich angemeldet“, erklärt die Frau, die namentlich nicht genannt werden möchte. Innerhalb von zwei Tagen melden sich daraufhin 123 Nachbarn an – ein Schneeballeffekt.

Hinter dem Portal steckt ein Berliner Start-up-Unternehmen. Christian Vollmann ist der Gründer von nebenan.de. Der 38-jährige Berliner ist in der Szene bekannt, arbeitete beim Klingeltonanbieter Jamba! und war Geschäftsführer der Datingplattform eDarling. „Eine Person meldet sich bei nebenan.de an und möchte ihre Nachbarn einladen. Mit dieser Person stecken wir dann die Grenzen der Nachbarschaft ab, und jeder bekommt einen Flyer in den Briefkasten“, erklärt Unternehmer Vollmann. Da das Start-up noch nicht flächendeckend wirke, sei nebenan.de auf Initiatoren angewiesen. „Nur, wenn wir jemanden finden, der die Idee super findet und seine Nachbarn einladen möchte, werden wir aktiv“, so Vollmann. Beim Flyerschreiben und verteilen würde nebenan.de helfen.

Im Lübecker Fall gab es jedoch offenbar keine Rücksprache oder ein gemeinsames Abstecken der Grenzen. „Die Flyeraktion war ein absolutes Versehen – ich weiß nicht wie es passiert ist, aber offensichtlich habe ich über die Seite einen Flyer an die komplette Innenstadt versendet“, erzählt die unfreiwillige Initiatorin aus Lübeck. „Ich habe mir rein gar nichts dabei gedacht, sondern aus Versehen die ganze Nachbarschaft eingeladen.“ Auch wenn die Einladung unfreiwillig war, ist sie aber dennoch erfreut über die Wirkung, die der Handzettel hatte. „Ich bin gespannt, wie sich nebenan.de entwickelt.“

120 bis 200 Profile hat eine Nachbarschaft laut Gründer Vollmann durchschnittlich. „Unsere größte Nachbarschaft hat 700 Mitglieder, und über 500 Nachbarschaften haben mindestens 100 Anmeldungen“, erklärt der 38-jährige Berliner. „Social Impact Business“ nennen die Gründer ihr Unternehmen. „Das Netzwerk bleibt kostenfrei“, mittelfristig solle sich das Ganze über Werbung finanzieren. Das Netzwerk würde auf der allerkleinsten lokalen Ebene funktionieren. Es gehe um weniger Anonymität in größeren Städten. Auch Themen wie Vereinsamung im Alter würden aufgegriffen.

Doch braucht es für gute Nachbarschaft wirklich ein Portal im weltweiten Netz? Auch Gabi Bannow von der Galerie für eine Nacht hat den Flyer in ihrem Briefkasten gefunden. Sie will dem Projekt zumindest eine Chance geben. „Mein Freund und ich haben gleich recherchiert, es hätte ja auch etwas Komisches sein können“, sagt die 57-Jährige. „Aber das Online-Portal gibt es offensichtlich schon länger. und wenn ich ein bisschen Zeit habe, werde ich mich auch anmelden.“

 Tomma Petersen

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