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Lübeck Erbpacht: Verdrängt die Stadt Alt-Lübecker von Grundstücken?
Lokales Lübeck Erbpacht: Verdrängt die Stadt Alt-Lübecker von Grundstücken?
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22:31 16.08.2016
Siedlung Gärtnergasse Sigrid Nau, Maertina Lange, Brigitte Buchholz, Holger Dummermann, Frank Buchholz, Michael Bischoff. Quelle: Maxwitat

Sie sind keine Revoluzzer. Oder Aufrührer. Im Gegenteil: In der Stargasse wohnen Menschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben – und jetzt im Ruhestand sind oder ihn zumindest im Blick haben. Die Erhöhung der Erbpacht durch die Stadt hat sie tief getroffen – sie beträgt bis zu 4000 Prozent. Die Bürgerschaft hat das Ende April beschlossen. Betroffen sind 950 Lübecker, deren Erbpachtverträge 2045 auslaufen. Jetzt haben viele Alt-Lübecker in der Siedlung Gärtnergasse ein Haus auf einem Grundstück, dessen Pacht sie nicht mehr bezahlen können.

Bis zu 4000 Prozent beträgt die Erhöhung – Viele können die Pacht schlicht nicht zahlen.

„Die Menschen haben das Gefühl, dass sie von den Grundstücken verdrängt werden“, sagt Michael Bischoff. Deshalb haben sich nun 50 von ihnen zu einer Interessengemeinschaft zusammengefunden und kämpfen für weniger Pacht. Der FH-Professor ist selbst gar nicht betroffen. Sein Erbpachtvertrag läuft bis 2061 und beinhaltet eine regelmäßige Erhöhung. Der 60-Jährige lebt seit 21 Jahren in der Siedlung und gehört zu den Neuzugezogenen. Doch seine Nachbarn haben ihr Leben dort verbracht – teils auch deren Eltern.

Sie trifft die Erhöhung der Erbpacht hart. Wie Sigrid Nau. „Das belastet mich nervlich sehr“, sagt die 76-Jährige. Sie weiß nicht, wo sie ihr letztes Lebensdrittel verbringen wird. „Ich lebe in einer ganz großen Unsicherheit.“ Sigrid Nau kam als Flüchtling aus Königsberg, seit 60 Jahren wohnt sie in ihrem Häuschen mit ihrem Mann – der nun verstorben ist. Ihr Haus ist ihre Heimat, der Garten ihr seelischer Ausgleich. Doch ihre Welt ist ins Wanken geraten. Denn ihr Erbpachtvertrag läuft 2023 aus. So wie bei vielen in der Siedlung.

Aktuell zahlt sie 22 Euro Pacht für 1200 Quadratmeter. Demnächst werden es etwa 800 Euro sein. Unbezahlbar für Sigrid Nau. Sie hatte schon Post von Immobilienmaklern im Briefkasten, die ihr das Grundstück abkaufen wollten.

So ist es auch Holger Dummann (59) ergangen. Der Fliesenleger ist Frührentner und fischte eines Tages einen Zettel aus dem Briefkasten. „Ein Doktor, der mein Haus kaufen wollte.“ Doch der 59-Jährige will dort wohnen bleiben, hat aber dasselbe Problem wie Sigrid Nau. „Kaufen kommt nicht in Frage“, sagt er. 240 000 Euro müsste er für das Grundstück hinlegen. Dafür fehlt ihm das Geld. Das kann er jetzt auch nicht mehr verdienen. „Und die Bank gibt mir keinen Kredit.“ Er zahlt 60 Euro Pacht im Monat, demnächst werden es 700 Euro sein. Das kann er nicht aufbringen. „Wie soll ich das machen?“

Dummann rechnet schon damit, dass er sein Haus an die Stadt abgeben muss. Aber was wird aus seiner Mutter? Vor 27 Jahren ist er mit seinen Eltern dorthin gezogen. Drei Generationen lebten unter einem Dach, bis die Tochter auszog. Er ist ratlos – wie viele in der Siedlung.

„Ein Stück weit ist es unmöglich, dass die ältere Generation raus soll“, ärgert sich Martina Lange. Die Eltern der 53-Jährigen wohnen dort schon ihr ganzes Leben lang. Ihr Vater ist 85 Jahre alt.

„Den kann ich nicht in eine 2,5-Zimmer-Wohnung stecken“, sagt sie. Und: „Ich habe nicht die finanziellen Mittel, das Grundstück zu kaufen.“ Sie arbeitet in einer sozialen Einrichtung in Lübeck, zahlt 120 Euro Pacht im Jahr – für sie werden es 700 Euro im Monat werden. Martina Lange: „Unerschwinglich, wie sollen wir das bezahlen?“

Ganz ähnlich ergeht es Frank und Brigitte Buchholz. Seit 17 Jahren wohnen sie in der Stargasse. Jetzt zahlen sie 100 Euro im Jahr, demnächst sind es 700 Euro im Monat. Der 61-jährige Handwerker ist frustriert: „Als Rentner denkst du: Jetzt hast du’s geschafft.“ Doch Pustekuchen. Kaufen kommt für das Ehepaar nicht in Frage. Mehr als 223000 Euro müssten sie für das 848 Quadratmeter große Grundstück bezahlen. Denn der Bodenwert ist von 145 Mark in den 1990er-Jahren auf heute 245 Euro gestiegen. Den nimmt die Stadt als Basis für die Berechnung der Pacht.

Für Bischoff ist das Vorgehen der Stadt unverständlich. „Die Menschen hier dachten, mit den Häusern schaffen sie Werte für ihre Nachkommen.“ Er hält die Steigerung für zu hoch. „Der soziale Charakter der Siedlung geht so verloren.“ Das alte Handwerkerviertel wird von gutbetuchten Menschen aufgekauft, die sich diePreise leisten können. Bischoff: „Die Stadt muss wissen, ob sie das so will.“

Kaufen oder pachten

In der letzten Augustwoche will die Stadt die Pächter anschreiben, deren Verträge bis 2026 auslaufen. Sie können wählen zwischen kaufen und pachten. Für den Kaufpreis nimmt die Stadt den aktuellen Bodenrichtwert pro Quadratmeter als Grundlage – und schlägt zehn Prozent drauf. In der Siedlung Gärtnergasse liegt der Bodenrichtwert zwischen 245 und 300 Euro. Beim Pachtvertrag werden vier Prozent des Bodenpreises als Erbbauzins berechnet. Die Stadt will bei Härtefällen individuelle Gespräche führen.

 Josephine von Zastrow

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