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Lübeck Erinnerungen an ein Stück altes Moisling
Lokales Lübeck Erinnerungen an ein Stück altes Moisling
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23:12 26.10.2013
Ein Bild aus den 1960er Jahren: Im Kaffeehaus wird gefeiert. Quelle: Fotos: Janina Dietrich (2), Harald Schardt

Wenn Gertrud Zimmermann aus ihrem Wohnzimmerfenster schaut, dann sieht sie die Überreste der Alten Scheune. Es ist ein kleiner Haufen Schutt, mehr ist von der einstigen Diskothek seit ihrem plötzlichen Einsturz vor einer Woche nicht übrig geblieben. Der Anblick lässt die 91-Jährige wehmütig werden, denn sie kennt das Gebäude an der Stecknitzstraße/Ecke August-Bebel-Straße von Geburt an. Allerdings beherbergte es damals, im Jahr 1922, noch keine Disko, sondern einen Saal mit Kaffeehaus.

„Moisling war zu der Zeit ein Dorf“, sagt die Seniorin, „jeder kannte jeden.“ Es habe nur zwei Straßen gegeben, die Niendorfer Straße und die August-Bebel-Straße, die damals noch Hauptstraße hieß.

Das Ortsbild war geprägt von kleinen Häusern, großen Höfen, weiten Kornfeldern und Wäldern.

Den Mittelpunkt des Dorfes bildete damals das Kaffeehaus von Familie Krüger. „Das war unser Anlaufpunkt“, sagt die 91-Jährige. „Dort spielte sich alles ab.“ Als Jugendliche habe sie viele Nachmittage in dem Haus verbracht. Es gab Musik vom Bandoneon-Club, eine Aufführung des Theaterclubs, und anschließend tanzten alle zusammen im Saal.

Nach dem Zweiten Weltkrieg holte Familie Krüger ein Kino in das Gebäude. Jeden Sonntagnachmittag gab es fortan eine Vorführung für Kinder, manchmal auch inklusive Kasperletheater. Am Abend trafen sich die Erwachsenen zum Filme gucken. „Meine Eltern, mein Mann und ich sind oft zusammen hingegangen“, sagt Gertrud Zimmermann. Das sei immer sehr schön gewesen. Vor der Vorstellung habe es Süßigkeiten zu kaufen gegeben. „Wir haben uns mit Studentenfutter eingedeckt“, sagt die Moislingerin und lächelt.

An das Kino kann sich auch ihr Nachbar Harald Schardt noch gut erinnern. „Im Saal des Kaffeehauses habe ich meinen ersten Film mit Freddy Quinn gesehen“, sagt der 64-Jährige, der ebenfalls in Moisling aufgewachsen ist.

Laut Getrud Zimmermann sind auch viele Familienfeste in dem Haus gefeiert worden. Ihre Silberhochzeit zum Beispiel, gemeinsam mit der Hochzeit der Tochter. 1967 war das. Wenig später wurde der Saal in die „Disco Alte Scheune“ umgewandelt. „Danach war es nicht mehr so schön“, sagt sie, „es gab viel Randale und Lärm.“

Harald Schardt hat es dagegen genossen, so einen „Club“ vor der Tür zu haben. Entsprechend hat er dort ganze Nächte verbracht. „Es ging meistens um acht abends los, und dann haben wir bis sechs morgens gefeiert“, sagt er. Seine Frau habe das nicht so gern gesehen.

Auch Paul Fischer kann sich noch gut daran erinnern, wie es früher in Moisling war. Der 79-Jährige war als Schornsteinfeger von 1962 bis 1966 für das Gebäude von Familie Krüger zuständig. „Ich weiß noch, dass sich zu der Zeit viele Moislinger regelmäßig im rechten Flügel zum Frühschoppen getroffen haben“, sagt er. In der linken Gebäudehälfte hätten sich die jungen Leute versammelt. „Da war immer ordentlich Remmidemmi.“

Diese Zeiten sind lange vorbei. Die Diskothek ist seit den Neunziger Jahren Geschichte, das Kaffeehaus noch wesentlich länger. „Es ist trotzdem seltsam, dass nun alles ganz weg ist“, sagt Zimmermann, und blickt wieder aus dem Fenster. „Das Haus gehörte doch immer zu uns und Moisling.“

Einsturz-Ursache unklar
Am 18. Oktober ist die Alte Scheune in Moisling eingestürzt. Anwohner hörten ein Krachen; wenig später war das 100 Jahre alte Gebäude von einer Staubwolke umhüllt. Verschüttet wurde bei dem Einsturz niemand.
Die Ursache für den Einsturz des Gebäudes wird wohl nie offiziell geklärt werden. Da es keine Hinweise auf eine Straftat gibt und auch niemand verschüttet wurde, sieht die Polizei keinerlei Grund für Ermittlungen.

Janina Dietrich

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