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Lübeck Erkenntnisse aus der Tiefe der Toilette
Lokales Lübeck Erkenntnisse aus der Tiefe der Toilette
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22:40 14.08.2018
Auch dieser sogenannte „Doppelsitzer“ aus dem frühen 13. Jahrhundert wurde gefunden. Quelle: Fotos: Stadt Lübeck(2)/kroll
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Lübeck

„Durch die neue Technik haben wir einen Menschen ausgemacht, der um 1200 in Bristol und in Lübeck auf Toilette war. Er litt an einem Fischbandwurm, der von einem Karpfen übertragen wurde“, erzählt Dirk Rieger, Archäologe der Lübecker Ausgrabungsstätte im Gründungsviertel. „Leider können wir nicht sagen, ob es sich um einen Lübecker handelt, der in Bristol zu Besuch war oder umgekehrt.“

Die Lübecker Archäologie und die University of Oxford starten ein Forschungsprojekt. Im Mittelpunkt: der organische Inhalt von 40 mittelalterlichen Latrinen. Mithilfe von DNA-Tests erhoffen sich die Forscher neue Erkenntnisse über den Alltag der Lübecker vor 800 Jahren zu gewinnen.

Da muss selbst der Archäologe lachen. Wie Rieger und sein Forscherteam dem kranken Mann auf die Spur gekommen sind und was an den Verdauungsresten der mittelalterlichen Lübecker eigentlich so interessant ist, ist nun Thema eines Forschungsprojekts.

Die Probe, mittels derer der Mann ausfindig gemacht wurde, stammt aus der Lübecker Ausgrabungsstätte des Gründungsviertels. Seit 2009 legen die Archäologen um Ausgrabungsleiter Dirk Rieger unzählige Gegenstände frei, die den Alltag der Menschen im Mittelalter dokumentieren. Darunter ein goldener Ohrring, eine fein gearbeitete Geldbörse aus rotem Samt – und 100 volle Latrinen. 40 von diesen Toiletten sind für die Forscher besonders aufschlussreich, denn sie lassen sich eindeutig dem Jahr 1200 oder dem Jahr 1350 zuordnen.

Und: Aus dem immer noch vorhandenen Inhalt der Kloaken lässt sich die DNA der Menschen ermitteln, welche die Latrinen einst füllten. An die DNA der alten Lübecker gelangen die Wissenschaftler über die Parasiten, die sie damals in die Latrinen ausschieden. „Die Darmparasiten sind heute immer noch in den Toiletten nachweisbar“, erzählt Rieger.

So sind die Archäologen auch dem Schicksal des Menschen auf die Schliche gekommen, der sich um 1200 in Bristol und in Lübeck aufhielt. Ein Zufallstreffer. „Es war wie die berühmte Nadel im Heuhaufen.“ Die Forscher fanden in einer mittelalterlichen Kloschüssel in Bristol die gleiche DNA, die sie auch in einer Lübecker Toilette fanden. Die Erkenntnis: „Es gab Kontakt zwischen der Lübecker Stadtgesellschaft und der in Bristol.“

Besonders sei, dass man dies jetzt nachweisen könne ohne dass eine schriftliche Überlieferung dafür vorliege, so der Ausgrabungsleiter.

Durch die neue Methode erfahren die Wissenschaftler auch, wie es um die Lebensmittelvielfalt und Menge bestimmt war. Denn: Durch DNA-Analysen lassen sich nicht nur Menschen unterscheiden, sondern auch Pflanzen. Theoretisch lassen sich so Handelsrouten nach Lübeck beweisen. Würde man beispielsweise den Nachweis von Ingwer finden, könnte Lübeck mit den Orten verknüpft werden an dem die Ingwer-Pflanze wächst.

Auch über die hygienischen Bedingungen im Gründungsviertel könnten in Zukunft Aussagen getroffen werden. So hoffen die Wissenschaftler auf die DNA von Krankheiten wie dem Pest-Erreger zu stoßen.

Daraus ließe sich ableiten, wie oft solche Krankheiten im Gründungsviertel vorkamen. Doch auch ganz profane Fakten stecken in den Hinterlassenschaften der alten Lübecker. Rieger erklärt, dass man durch die DNA der Menschen nun herausfinden könnte, wie viele Menschen sich eine Toilette teilen mussten.

Die Proben werden nicht in Lübeck, sondern in Oxford analysiert. Rieger: „Eines Tages kam ein Professor aus Oxford vorbei und schaute sich unsere Ausgrabungsstätte an“. Der Professor sei begeistert von der Arbeit seiner Lübecker Kollegen gewesen. Daraus resultierte eine nunmehr siebenjährige Kooperation zwischen der Lübecker Archäologie und der englischen Universität.

Die Erkenntnise, die bereits vorliegen, stammen aus einer Voruntersuchung, erklärt Rieger. Dies war nötig, um den Projektantrag zu begründen. Das eigentliche Forschungsvorhaben startet jetzt. Sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind, sollen die Ergebnisse in Fachzeitschriften und Vorträgen veröffentlicht werden. Es ist zudem eine große Ausstellung der Lübecker Archäologie geplant.

Das Gründungsviertel

Das Viertel auf der Lübecker Altstadtinsel war das älteste Quartier Lübecks. Die historischen Bauten wurden 1942 bei einem Luftangriff zerstört. Nach dem Krieg standen auf der Fläche zwei Berufsschulen. 1990 beschloss die Stadt, die Schulen abzureißen. Der Abriss und die anschließende Grabung förderte zahlreiche Funde aus früher Zeit zu Tage. Besonders spektakulär: 40 Holzkeller aus dem Jahr 1180. Sie sollen zu den ersten Lagerhäusern der Stadt gehört haben.

Tom Kroll

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