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15:36 01.09.2018
Die Restauratorin Maire Müller-Andrae arbeitet an einer Eskimo-Figur, die zu einem grönländischen Inuit-Kajak aus dem Besitz der Schiffergesellschaft gehört. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Maire Müller-Andrae ist ganz dicht dran an der Vergangenheit. Auge in Auge mit einem Holz-Eskimo sitzt sie in der Eingangshalle der Kunsthalle St. Annen und befreit die mehrere Jahrhunderte alte Figur mit feinsten Instrumenten von einer dicken Patina aus Nikotin. Das in der Mitte der Halle aufgebockte Boot braucht nur noch einige Retuschen – es ist ein Originalstück, ein Eskimo-Kajak aus dem frühen 17. Jahrhundert, und einer der 100 einzigartigen Schätze aus den Lübecker Museen, die ab kommendem Sonntag in einer Sonderschau zum Stadtjubiläum Zeugnis von der Geschichte der Hansestadt geben werden.

Seit vier Wochen arbeitet die Restauratorin vom Atelier Butt Restaurierungen in Lübeck daran, das Eskimo-Kajak, das sonst im Gastraum der Schiffergesellschaft hängt und dort zu den ältesten Stücken des Inventars zählt, für die große Schau herzurichten. „Das Boot ist eines der ältesten Objekte dieser Art“, sagt sie. „Ich finde es ungeheuer spannend, sich vorzustellen, wie und wann es entstanden ist.“ Wann es nach Lübeck kam, ist bekannt – wie das Kajak 1607 aus Grönland in die Stadt gelangte, darum ranken sich Legenden und Vermutungen.

Eine Version besagt, dass der Fahrer während der Jagd im Eismeer von einem Sturm überrascht und ins Kattegat verschlagen wurde, wo ihn Lübecker Fischer samt Kajak aus dem Wasser fischten. Der völlig entkräftete Eskimo soll allerdings an Bord gestorben sein. In Lübeck setzten ihm die Bergenfahrer mit der eigens angefertigten, barocken Holzfigur ein Denkmal.

Eine Ethnologin aus dem Niedersächsischen Landesmuseum Hannover, Jutta Steffen-Schrade, brachte 2013 allerdings eine weniger gefällige Theorie ins Gespräch: Eskimos samt ihrer Ausrüstung waren schon im 16. Jahrhundert sozusagen besondere Souvenirs – historische Dokumente belegen, dass dänische Grönlandexpedition 1605 und 1606 Eskimos gekidnappt und nach Dänemark verschleppt hatten. Einer von ihnen entkam 1607 in seinem Kajak – möglicherweise jener, dessen Boot Maire Müller-Andrae nun restauriert.

„Man wundert sich, dass darin ein Mensch Platz hatte“, sagt die Restauratorin und bewundert, wie präzise und stabil das leichte Jagdboot gebaut ist: Über ein 5,30 Meter langes und nur 25 Zentimeter hohes Gerüst aus Frischknochen und Holz wurde Seehundhaut gespannt und fest vernäht. Vor und hinter dem sogenannten Mannsloch – in dem heute die Holzfigur sitzt – sind schmale Lederriemen gespannt, an denen die Jäger ihre Ausrüstung und Harpunen befestigen konnten.

Welches Schicksal seinen Besitzer auch ereilt haben mag, darüber kann auch Maire Müller-Andrae nur rätseln. Ihre Aufgabe ist es, das Boot als Zeugnis seiner Epoche zu erhalten. Seit 18 Jahren lebt und arbeitet die 48-Jährige aus der Lüneburger Heide in Lübeck. Die Restauratorin mit Spezialisierung auf Holz mit gefasster Oberfläche und Gemälde hat in Lübeck schon zahlreiche Objekte bearbeitet, unter anderem das Triumphkreuz von Bernt Notke im Dom und den Prospekt der großen Orgel in der Jakobikirche.

Das Eskimo-Kajak hat sie vom Nikotin befreit, das sich vor dem Rauchverbot in einer dicken Schicht darauf abgelagert hatte; die Farbschichten der nachträglichen Bemalung der Außenhaut – sie stammen wohl von einer ersten Konservierung des Bootes 1607 – hat sie dort, wo sie schon abplatzten, mit Fischleim gefestigt. Es ist die sechste Restaurierung des Kajaks. Die früheren Restauratoren haben die Jahreszahlen – 1607, 1668, 1821, 1911, 1979 – und die Namen der „Sponsoren“ ihrer Arbeit auf dem Rumpf hinterlassen. Das, sagt Müller-Andrae, sei heute ein absolutes „no go“: „Die Tradition sich als Restaurator durch die Jahreszahl zu verewigen, werde ich ganz sicher nicht fortsetzen. Das Wichtigste ist, das Objekt zu konservieren, die Substanz zu sichern. Es verbietet sich, etwas zu verändern oder hinzuzufügen.“

In einem Schriftzug in altdeutscher Schrift haben frühere Restauratoren das Schicksal des Eskimo-Kajaks verewigt: „De Jacht Uth Gronlandt iß min Name. Ick begere nicht mer thor Seewardt tho faren.“

Die Ausstellung

Das Eskimokajakist nur eines von 100 Objekten aus der Geschichte der Stadt, die die Lübecker Museen vom 9. September bis zum 6. Januar in einer Ausstellung zum Stadtjubiläum im Museumsquartier St. Annen und im Europäischen Hansemuseum zeigen werden.

Unter dem Titel „875 Jahre – Lübeck erzählt uns was“ präsentieren die Museen mit diesem stadtübergreifenden Ausstellungprojekt einzigartige Schätze aus den Lübecker Sammlungen, die, jedes für sich, für ein Stück der Historie der Hansestadt stehen und eine Geschichte daraus erzählen. Stellvertretend für ihre Zeit sollen Exponate aus jeder geschichtlichen Epoche den Charakter Lübecks widerspiegeln.

In einer kleinen Serie werden wir einige dieser Schätze, mit den Anekdoten, Geschichten, Legenden und Fakten, die sich darum ranken, in den folgenden Wochen auf der Heimatseite vorstellen.

Regine Ley

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