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Lübeck Expertin sucht in Lübecker Museen nach Raubkunst
Lokales Lübeck Expertin sucht in Lübecker Museen nach Raubkunst
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20:19 26.03.2016
Museologin Steffi Grapenthin schaut, ob sich auf dem Hausaltar der Familie Kerckring Übermaltes befindet. Er kam 1942 aus Riga nach Lübeck. Seine Herkunft ist inzwischen geklärt. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat

Ein Ölgemälde aus dem Jahr 1870, das jahrzehntelang im Behnhaus Drägerhaus den Treppenaufgang schmückte, hat die Hansestadt Lübeck im Jahr 2004 an die Erben eines enteigneten jüdischen Bankiers zurückgegeben (die LN berichteten). Die sogenannte Restitution erfolgte, nachdem sich der Anwalt der Erben gemeldet hatte. Jetzt geht man anders vor:

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Museologin Steffi Grapenthin schaut, ob sich auf dem Hausaltar der Familie Kerckring Übermaltes befindet. Er kam 1942 aus Riga nach Lübeck. Seine Herkunft ist inzwischen geklärt.

Museologin Steffi Grapenthin hat vor zwei Wochen damit begonnen, die Inventarbücher des St.-Annen-Museums sowie des Behnhaus Drägerhaus darauf durchzusehen, ob sich eventuell sogenannte Raubkunst in den Beständen der Lübecker Häuser befindet.

Es geht um die Jahre 1933 bis 1945, also die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Gibt es Kunstgegenstände, die jüdischen Bürgern oder anderen vom NS-Regime Verfolgten unter Wert zwangsweise abgekauft oder durch Enteignung gestohlen wurden? Etwa 40 Verdachtsfälle könnte es, so Dr. Alexander Bastek, Leiter des Behnhaus Drägerhaus, geben. Rein theoretisch könnte die Hansestadt einige Kunstschätze verlieren. „Es gibt schon einige Gemälde, bei denen es schmerzhaft wäre, wenn wir sie verlören.“

Doch bis aus einem vagen Verdacht ein tatsächlicher Fall von Raubkunst wird — oder ein Verdacht sich als haltlos erweist — , ist es ein langer Weg aus mühsamer Puzzle-Arbeit. Wie eine Detektivin macht sich die 33-jährige Museologin, die von 2010 an in einem Berliner Museum als freie Mitarbeiterin in der Provenienzforschung, auch Herkunftsforschung genannt, tätig war, an die Arbeit. Gute Grundlage sind die Inventarbücher, die in einem Panzerschrank im St.-Annen- Museum sicher aufbewahrt werden. Hier ist verzeichnet, welcher Gegenstand in welchem Jahr in den Bestand kam, wieviel dafür an wen bezahlt wurde oder ob es eine Schenkung ist. „Ich gehe systematisch durch. Jedem Kunsthandel muss ich auf die Spur gehen. Wenn der Preis unangemessen erscheint, muss ich weiterrecherchieren, und einige Namen fallen ebenfalls sofort auf“, erklärt Grapenthin.

Wenn sie eine erste Liste erstellt hat, geht die Detektivarbeit weiter: Adressbücher, Handelsregister, aber auch Listen — „Berliner Kunsthändler sind sehr gut aufgelistet, weil jede Auktion angemeldet werden musste“ —, Archivarbeit. Geht es um Privatpersonen, vorzugsweise mit jüdischen Namen, helfen die Gedenkbücher im Bundesarchiv weiter, die über die Verfolgten des NS-Regimes Auskunft geben. Auch online kann Steffi Grapenthin allerhand herausfinden, beispielsweise über die jedermann zugängliche Datenbank www.lostart.de. Hier stellen sowohl die Erben einstiger Enteigneter Suchen nach den Kunstwerken ein als auch Museen oder Sammler, die in ihren Beständen auf mögliche Raubkunst gestoßen sind. Auch das Lübecker Stadtarchiv wird sie aufsuchen, denn dort finden sich die Korrespondenzen der Museumsmitarbeiter aus den Jahren 1933 bis 1945 mit Kunsthändlern und privaten Sammlern.

Seit 2014 gibt es zudem den Verein Provenienzforschung mit inzwischen 120 Mitgliedern. Zweimal jährlich treffen sich die Forscher und tauschen sich aus. „Eine ganz wichtige Sache für mich“, sagt Grapenthin, „da kann man viele Hinweise bekommen.“

Für ein Jahr wird ihre Stelle vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste aus Bundesmitteln finanziert — mit Option auf Verlängerung. Ein Jahr ist schnell vorbei, und es gibt eine Menge zu tun. „Man muss“, sagt die Museologin, „eine hohe Frustschwelle haben, denn natürlich entdeckt man nicht jeden Tag etwas Spannendes.“ Etwas scheint sie aber schon in den ersten beiden Arbeitswochen entdeckt zu haben — letztlich über die Lübecker Initiative Stolpersteine. Worum es dabei geht, darf sie nicht verraten. Erst einmal geht die Spurensuche weiter. Gerade dieses Detektivische reizt Steffi Grapenthin an ihrem Job.

Geraubte Kulturgüter

Als Raubkunst bezeichnet man das, was offiziell „NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“ genannt wird. Rein juristisch, so Alexander Bastek, seien die Enteignungen verjährt.

Aber aus moralischen Gründen sei es eine Verpflichtung, Kulturgüter an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben.

Beutekunst ist das, was man sich im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen widerrechtlich aneignet. Beispiel: Schliemanns Schatz des Priamos, der vor dem Zweiten Weltkrieg in Berlin aufbewahrt wurde und heute im Puschkin-Museum Moskau lagert.

Der Fall Gurlitt, in dessen Münchner Wohnung mehr als Tausend Gemälde und Zeichnungen gefunden wurden, sorgte dafür, dass die Provenienzforschung auf die politische Agenda kam.

Von Sabine Risch

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