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Lübeck Fahrstuhl-Drama: „Es war die längste Stunde meines Lebens“
Lokales Lübeck Fahrstuhl-Drama: „Es war die längste Stunde meines Lebens“
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21:52 10.08.2016
Angela Breiding (81, l.) und Brigitta Weigert (78) sind noch richtig mitgenommen von ihrem Café-Besuch. Quelle: Hannes Lintschnig
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Innenstadt

Die Luft wird immer dünner. Sie schlagen gegen die Wände, damit irgendjemand im gut besuchten Café Niederegger in der Breiten Straße auf sie aufmerksam wird. Doch niemand bemerkt sie. Und auch die Hitze, die sich in dem kleinen Fahrstuhl entwickelt, macht ihnen zu schaffen. „Ich dachte, dass wir gleich ersticken“, sagt Angela Breiding aus Hamburg, die am vergangenen Sonnabend mit ihrer Freundin einen Lübeck-Bummel gemacht hat. „Meine Freundin ist herzkrank. Es war schrecklich. Ich habe immer noch Albträume“, sagt die 81-Jährige.

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Angela Breiding und Brigitta Weigert steckten eine Stunde im Aufzug bei Niederegger fest – Der Alarmknopf funktionierte nicht – Und niemand hörte ihre Hilfeschreie.

Sie trinken nur noch kurz einen Kaffee und essen ein Stück Torte, bevor sie ihren Zug nach Hamburg nehmen wollen. Vom ersten Stock des Cafés steigen sie in den Fahrstuhl, zusammen mit einem älteren Ehepaar aus Oberbayern. „Wir hatten gerade den Knopf gedrückt, der Fahrstuhl ist ein ganz kleines Stück gefahren. Dann hat es geruckelt – und wir steckten fest“, erinnert sich Brigitta Weigert. In der engen Kabine geht das Licht aus, die Knöpfe funktionieren nicht mehr. „Zunächst haben wir noch Witze gemacht. Aber dann wurde es schnell ernst“, sagt die 78-Jährige.

Denn niemand bemerkt ihre Hilferufe. Auch der Notrufknopf funktioniert nicht. Und ihre Handys haben kein Empfang. Und offensichtlich will auch keiner der anderen Gäste in diesem Moment den Fahrstuhl benutzen. „Wir haben Stimmen gehört, wir haben geschrien so laut wir konnten. Es hat alles nichts gebracht. Ich hatte Angst, dass wir abstürzen“, sagt Breiding. Mittlerweile sind sie schon fast eine halbe Stunde eingeschlossen. Immer noch keine Hilfe. „Ich habe Netz“, ruft plötzlich die Frau aus Oberbayern. Sie wählt 112. „Ich habe jemanden in der Leitung. Hilfe! Wir sind eingeschlossen.“

Es ist 14.30 Uhr, als ihr Notruf die Feuerwehr erreicht. „Sie haben Glück gehabt, dass sie in dem Aufzug ein Netz bekommen haben“, sagt Stefan Kunz von der Feuerwehr Lübeck. Sechs Einsatzkräfte machen sich auf den Weg zu Niederegger. „Der Aufzug ließ sich nicht bewegen – und es war sehr voll in dem Café. Das war problematisch“, sagt Kunz. Der Fahrstuhl klemmt zwischen zwei Geschossen fest.

Die Feuerwehrmänner öffnen die Türen des Aufzuges und verkeilen den Fahrkorb. Durch einen 50 Zentimeter kleinen Schlitz müssen sich die vier Insassen herausquetschen und eine Leiter etwa zwei Meter herunterklettern. „Ich musste mich platt auf den Bauch legen und rückwärts herausrobben. Dann hat ein Feuerwehrmann meine Füße auf die Leitersprossen gestellt“, sagt Weigert. Angela Breiding war einfach nur erleichtert. „Als ich die Männer gehört habe, kamen mir die Tränen. Das war die längste Stunde meines Lebens.“

Warum der Notrufknopf nicht funktioniert hat, können sich die Mitarbeiter bei Niederegger nicht erklären. „Der Fahrstuhl ist mit der neuesten Technik ausgestattet und verfügt über einen Alarmknopf, der regelmäßig kontrolliert wird“, sagt Kathrin Gaebel von Niederegger. „Dass unsere Gäste steckengeblieben sind und es etwas länger gedauert hat, bis sie aus ihrer misslichen Lage befreit wurden, ist uns sehr unangenehm. Direkt im Anschluss hat sich unsere Mitarbeiterin mehrfach bei ihnen entschuldigt, sie mit Getränken versorgt und Marzipan verschenkt.“

Die beiden Rentnerinnen hätten sich trotzdem ein bisschen mehr Aufmerksamkeit gewünscht. „Wir wurden in einen Raum geführt und mussten auf Kinderstühlen Platz nehmen“, sagt Breiding. „Und als ich noch völlig mitgenommen sagte, dass wir unseren Zug verpasst hätten, sagte man mir nur, dass ich doch einen Bus nehmen könnte.“

Niederegger hat angekündigt, sich nochmal mit den beiden Damen in Verbindung zu setzen.

So sicher sind Aufzüge

Wer in einem Lift stecken bleibt, muss keine Sorge vor dem Ersticken haben, sagt Carolin Roterberg vom Tüv Nord. Jeder Aufzug ist mit einem Belüftungsöffner ausgestattet, durch den Frischluft in den Fahrkorb gelangt.

Auch ein Abstürzen des Fahrstuhls ist sehr unwahrscheinlich. Bei einem Seil- Aufzug beispielsweise werden immer mehrere Seile benutzt, die jeweils ein Vielfaches des Aufzuggewichtes tragen können.

Fahrstühle werden alle zwei Jahre durch eine zugelassene Prüfungsstelle überprüft. Zusätzlich gibt es nach einem Jahr eine Zwischenprüfung.

 Hannes Lintschnig

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