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Lübeck Familie erfährt nichts vom Tod des Bruders
Lokales Lübeck Familie erfährt nichts vom Tod des Bruders
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18:56 07.06.2013
Quelle: bie
Lübeck

Erst durch seine Schwester hat Bernd Gatermann die schreckliche Nachricht erfahren — und diese wiederum von einer Freundin. „Sie wollte kondolieren“, sagt der 69-Jährige. Wie sich erst durch den zufälligen Anruf herausstellte: Der Bruder der beiden, Uwe Gatermann, war bereits sechs Tage zuvor verstorben. Weder Polizei noch Ordnungsamt hatten bis dahin die Angehörigen verständigt.

Erst als der in Wuppertal lebende 69-Jährige eigene Nachforschungen bei der Polizei anstellte, bestätigten ihm die Ermittler den Todesfall. Anschließend wurde Gatermann weiter an das nun zuständige Ordnungsamt verwiesen — zu dem Zeitpunkt war Uwe Gatermann seit acht Tagen verstorben. „Das Gesundheitsamt teilte mir schließlich mit, ich hätte gerade noch rechtzeitig angerufen“, so der 69-Jährige.

Zwei Tage später wäre die Frist abgelaufen gewesen, sein Bruder wäre dann anonym bestattet worden.

Uwe Gatermann hatte auf Marli gewohnt, für den 8. April war er mit einem Sportsfreund verabredet. Jedoch erschien Gatermann nicht und reagierte auch auf Anrufe nicht. Der 74-Jährige war Hochleistungssportler, gehörte früher zum Geher-Nationalteam und wurde in dieser Disziplin unter anderem Norddeutscher Meister. Auf Marli war er nach Angaben seines Bruder „bekannt wie ein bunter Hund“. Am nächsten Tag wurde die Polizei alarmiert. „Nach dem Aufbrechen der Wohnungstür fanden sie meinen Bruder tot auf dem Bett“, sagt Bernd Gatermann. Vermutlich war der 74-Jährige in der Nacht zum 7. April an Herzversagen verstorben. „Wieso hat uns niemand Bescheid gesagt?“, fragt Bernd Gatermann nun.

Die Polizei weist die Schuld von sich. „Offensichtlich waren keine Angehörigendaten zu finden“, sagt Sprecher Stefan Muhtz. Außerdem falle die Benachrichtigung in die Zuständigkeit des Ordnungsamtes, da ein natürlicher Tod vorlag. Am 10. April sei der Fall übergeben worden, nach dem ersten Telefonat mit Bernd Gatermann am 13. April, einem Sonnabend, seien auch die Kontaktdaten des Bruders übersandt worden. „Man hätte einfach nur die Nachbarn fragen müssen“, schimpft Gatermann. Außerdem habe das Adressbuch direkt neben dem Telefon gelegen. Hätten die Beamten laut Bernd Gatermann genauer hingeschaut, hätte die Familie durchaus schon am 9. April vom Tod des 74-Jährigen erfahren können.

Das Ordnungsamt sieht bei sich ebenfalls kein Fehlverhalten. „Die Verwandten waren bekannt“, sagt Stadtsprecher Marc Langentepe. Der zuständige Sachbearbeiter brauche mitunter aber ein, zwei Tage zur Klärung aller Details. Unglücklicherweise sei auch ein Wochenende dazwischen gewesen, was das Ganze zusätzlich verzögert hätte. Für den 18. April sei dann auch sofort ein Termin für die Übergabe der Wohnungsschlüssel festgelegt worden. Von einer anonymen Bestattung sei zudem nie die Rede gewesen. Langentepe: „Die Information war eine allgemeine Auskunft zu anonymen Todesfällen.“

Bernd Gatermann spricht dennoch von einer „unglaublichen Gleichgültigkeit“ seitens der Behörden. „Wem ist ein Toter so unbedeutend, dass er sich nicht einmal die kleinste Mühe macht?“ Eine anonyme Beerdigung durch die Stadt wäre eine „Horrorvision“ für alle Verwandten gewesen und „ein lebenslanges Trauma geworden“. Im Kreise der Familie und zahlreicher Sportfreunde fand jetzt schließlich die Urnenbeisetzung statt — mit Namen und im Familiengrab.

„Wem ist
ein Toter so unbedeutend, dass er sich keine Mühe macht?“
Bernd Gatermann

Peer Hellerling

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