Lübeck. „Während sich in St. Marien und im Dom die Gemeinde wieder zum Gottesdienst versammelt, während dort Konzerte erklingen und täglich viele Menschen staunend die gewaltigen Räume durchwandern, steht St. Petri menschenleer und nur äußerlich wiederhergestellt verlassen da.“ Eigentlich würde man diese triste Schilderung spontan den 1960er Jahren zuordnen. Doch Fehlanzeige, denn die Formulierungen stammen aus dem Juli 1977 und wurden vom damaligen Kirchenbaudirektor Friedrich Zimmermann gewählt. 35 Jahre nach jener zerstörerischen Bombennacht, Palmsonntag 1942, war der fünfschiffige Kirchenraum noch immer eine Ruine.

Statt interessierte Menschen zu empfangen, beherbergte Petri nun Skulpturen, Epitaphe und Steinfragmente. „Ja, das Kirchenschiff hatte damals die Funktion als Lagerraum. In Petri war von allen Kirchen etwas untergebracht, wie zum Beispiel der beschädigte Fredenhagen-Altar aus Marien“, erinnert sich Heinz Waltzem. Der 71-Jährige leitete ab 1978 fast drei Jahrzehnte die Kirchenbauhütte, die immer dann gefordert war und ist, wenn es etwas an den kircheneigenen Bauwerken zu reparieren gibt. Entsprechend war Waltzem dabei, als in den 1980er Jahren der entscheidende Schritt getan wurde, St.

Petri komplett, also auch im Inneren, wiederherzustellen.

Aber eines sei festgehalten — dass die kleinere Stiefschwester unter den Großkirchen auf der Altstadtinsel überhaupt noch existierte, war keine Selbstverständlichkeit. Denn zwischenzeitlich gab es diverse Pläne, Petri abzureißen oder einer anderen Verwendung zuzuführen. So wurde beispielsweise 1946 vom Stadtplanungsamt der Abbruch erwogen. In Beschwerden an die Baupolizei bezeichneten Anwohner die Ruine noch Anfang der 1950er Jahre als „öffentliche Gefahr“. Konzepte für eine Umwandlung in eine Konzerthalle wurden ernsthaft diskutiert. „Auch Petri als Parkhaus war mal im Gespräch“, erzählt der derzeitige Hausherr Bernd Schwarze.

Dass es überhaupt zu diesen Planspielen kommen konnte, lag wohl daran, dass die Kirche keine Lobby mehr hatte. Die 6400 Gemeindemitglieder waren Anfang der 1950er Jahre St. Marien zuerkannt worden, das Grundstück und die Gebäude gingen in das Eigentum des Domes über. Entsprechend wurde an dem Bau immer nur das Nötigste an Sicherungsmaßnahmen durchgeführt, ohne die Zukunft im Blick zu haben. Dom und Marien hatten Vorrang.

Lediglich ein Notdach wurde Petri zugedacht; und der Turmstumpf konnte erst 1955 mit dem Einbau des Aufzuges gegen das weitere Eindringen von Feuchtigkeit geschützt werden. Drei Jahre später stürzte dann im südlichen Seitenschiff wieder ein Gewölbe ein — ein folgenschweres Ereignis, denn nun drohte der Einsturz der gesamten Außenwand und damit die endgültige Zerstörung.

Ein Hilferuf des Bürgermeisters wurde schließlich von höchster Stelle erhört; der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen spendierte 400 000 Mark, so dass in den Folgejahren die nötigen Rettungs-Arbeiten starten konnten. Als dann 1973 die letzten Fenster ihre neue Bleiverglasung erhalten hatten, war gut 30 Jahre nach Palmarum zumindest das Äußere wiederhergestellt.

„Nur das Innere war noch eine Katastrophe“, sagt Alt-Hüttenmeister Waltzem. Mit seinem Team konnte er ab 1981 endlich ans Werk gehen, weil die Petri-Debatte zwei Jahre zuvor durch die 17. Tagung des Evangelischen Kirchenbautages in Lübeck eine neue Dynamik bekam. Auf einmal wurde das Thema deutschlandweit in allen Architektur-Zeitschriften diskutiert. Geld von Bund und Land sowie der Nordelbischen Kirche floss danach in die Hansestadt.

Und am 22. April 1983 hatte die Kirche auch wieder eine Art Lobbyverein. An dem Tag gründete sich nämlich der St. Petri-Bauverein mit Dr. Arend Oetker als Vorsitzenden. Mit von der Partie war Theo Dräger: „Unser Leitgedanke war, dass wir uns als Unternehmer in der Tradition der Kaufleute an der kompletten Wiederherstellung von St. Petri beteiligen wollten.“

Sechs Jahre lang — von 1981 bis 1987 — widmete sich die Kirchenbauhütte nur St. Petri. „Wir waren teils mit über 30 Leuten vor Ort; als erstes galt es, die 600 Tonnen Schutt, Ziegel, Betonreste aus dem Kirchenschiff abzutransportieren. Zudem brachten wir das Lagergut aus den anderen Kirchen wieder an die ursprünglichen Plätze“, erinnert sich der gelernte Maurermeister Waltzem. Am 12.

September 1987 schließlich wurde die Kirche, mehr als 45 Jahre nach der Zerstörung, wieder eingeweiht.

Am Mittwoch lesen Sie: Wie Petri vor 25 Jahren zur Kulturkirche wurde

Hilfe für St. Petri: Gala am Ostermontag und Spendenaktion
Die Spendenaktion „Sieben Türme sollst Du sehen“ hat schon St. Marien und St. Jakobi gerettet. Jetzt werden zur Sanierung der Kulturkirche St. Petri rund 2,8 Millionen Euro benötigt — eine Summe, die St. Petri und der Kirchenkreis nicht allein stemmen können. Die evangelische Kirche in Lübeck hofft daher auf viele Unterstützer. Am Ostermontag soll nun der Neuauftakt der Kampagne gefeiert werden; zudem wird der 25. Geburtstag der Kunst- und Kulturkirche begangen.


Die Spenden-Gala am Ostermontag, 1. April, in St. Petri beginnt um 19 Uhr (Einlass ab 18 Uhr) und ist als buntes Fest mit Musik und Wort und vielen Überraschungen geplant. Es werden an die 100 Wort-, Musik- und Kunstgrößen an der Gala beteiligt sein.

Bereits ab 17 Uhr besteht die Möglichkeit, sich im Außenbereich der Kirche über die künftigen Sanierungsmaßnahmen zu informieren. Ab 18 Uhr ist die Turmauffahrt frei für alle, und es werden Gewölbeführungen angeboten. Das St. Petri-Café lädt an Catering-Ständen in der Pause sowie vor und nach der Gala zu Getränken und hausgemachten Speisen ein. Im Eingangsbereich gibt es Info-Tische und ein Souvenir-Verkauf. Auch ein LN-Foto-Shooting wird es ab 18.30 Uhr — Motto „Wir helfen Petri!“ — geben.

Karten für 25 Euro (Schüler, Studenten frei) gibt es im LN-Pressehaus, an der Konzertkasse Hugendubel, im Pressezentrum, im Petri-Turmshop und an der Abendkasse. Der Gesamterlös fließt direkt der Spendenaktion zu.

Michael Hollinde

Michael Hollinde