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Feuertod in der Hafenstraße

St. Gertrud Feuertod in der Hafenstraße

Am 18. Januar 1996 starben zehn Flüchtlinge beim Brand des Ausländerheims, 35 wurden verletzt. 220 Retter kämpften mit allen Mitteln um das Leben der Menschen. Niemand wurde je für die Brandstiftung verurteilt.

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Das Foto, das wie kein anderes die Brandkatastrophe an der Hafenstraße symbolisiert: Eine museumsreife, aus der Reserve herangezogene Drehleiter kippte gegen das brennende Haus, als drei Menschen hoch oben im Korb waren.

Quelle: Wolfgang Langenstrassen

St. Gertrud. Heute vor 19 Jahren geriet Lübeck weltweit in die Schlagzeilen — wieder einmal, wie zuvor schon beim Synagogenbrand. An diesem kalten, regnerischen Tag im Januartag ereignete sich nahe der Innenstadt die bis dahin verheerendste deutsche Brandkatastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg. Zehn Menschen kamen im Feuer um, 35 wurden verletzt, viele von ihnen schwer, als das Flüchtlingsheim in der Hafenstraße brannte. Es war der Tag, an dem der Name Hafenstraße eine neue, schreckliche Bedeutung bekam. Fortan war damit nicht mehr ein Straßenzug in Hamburg gemeint, sondern der Ort einer Katastrophe, deren Urheber bis heute unbekannt ist. Nur dass es Brandstiftung war, steht fest.

18. Januar 1996, 3.42 Uhr: Verzweifelte Bewohner des Hauses an der Hafenstraße, gleich neben der Brüggen-Fabrik, wählen den Notruf, schreien „Feuer, Feuer“ ins Telefon. Auch die Beamten einer zufällig vorbeifahrenden Bundespolizeistreife sehen Flammen und alarmieren die Feuerwehr. Was folgt, ist ein stundenlanger, verzweifelter Kampf um jedes einzelne Menschenleben der 38 Hausbewohner.

220 Feuerwehrleute, Rettungsassistenten und Polizeibeamte versuchen in eisiger Nacht, der Katastrophe Herr zu werden, die sich mit heißer Gewalt Bahn bricht. Innerhalb von Minuten steht das Haus in Flammen. Bald ist klar, dass es für viele Menschen keine Rettung gibt. Sie springen aus den oberen Stockwerken in den Tod. Andere, auch Kinder, wagen den Sprung nicht und werden vor den Augen der hilflosen Retter von den Flammen verschlungen. Eine junge Frau aus Zaire und ihre Kinder finden so den Tod. Und doch gibt es ein kleines Wunder an diesem schrecklichen Morgen: Als eine aus der Reserve herangezogene historische Drehleiter gegen das brennende Haus kippt, bleiben die beiden Feuerwehrmänner hoch oben im Korb und das von ihnen gerade gerettete Kind unverletzt.

Ein Wunder, das das Grauen nicht aufwiegen kann. Im Laufe des Vormittags bergen geschockte Feuerwehrmänner immer mehr Leichen aus dem noch immer brennenden Haus. In fünf Krankenhäusern werden Menschen mit Rauchvergiftungen, Knochenbrüchen, Verbrennungen und Abschürfungen behandelt. Ein Mädchen erliegt in der Klinik seinen schweren Verbrennungen.

Noch während die Feuerwehr den Brand bekämpft und die Toten birgt, beginnt die Suche nach den Schuldigen. Das Feuer ist noch nicht gelöscht, kein Spurensicherer hat sich dem Tatort auch nur genähert, da sind zunächst drei, dann vier Verdächtige festgenommen. Junge Männer aus Grevesmühlen, von denen einer wie ein Skinhead aussieht und die angesengte Augenbrauen haben. Aber schnell sind sie wieder auf freiem Fuß, sie haben zum Zeitpunkt des Brandausbruchs weit entfernt von der Hafenstraße getankt. Eine Quittung belegt das. Stattdessen sitzt plötzlich ein Hausbewohner in Untersuchungshaft, der Libanese Safwan E. (21), auch er mit versengten Stellen am Kopf. Er soll gegenüber einem Retter gesagt haben: „Wir waren es.“ Später relativiert er seine Aussage: „Sie waren es.“

Während Lübeck trauert und demonstriert, ermittelt die Polizei weiter. Für die Soko 1/96 bleibt Safwan E. der einzige Verdächtige. Doch bald werden immer mehr Zweifel an der Version von Polizei und Staatsanwaltschaft laut. Prominente Anwälte, prominente Brandexperten schalten sich ein. Der Fall wird auf die politische Schiene gezogen, Polizei und Staatsanwaltschaft sehen sich dem Verdacht der Schlamperei und einseitiger Ermittlungen zu Lasten der Flüchtlinge ausgesetzt. Eine internationale unabhängige Juristenkommission soll Licht ins angebliche lübsche Dunkel bringen. Es geht nicht mehr um die zehn Toten, die Schwerverletzten, die nur langsam und nicht ohne lebenslange Folgen genesen. Es geht um Politik und darum, ob sich Lübeck einreiht in die unseligen Brandanschläge dieser Jahre von Mölln bis Solingen; oder ob es doch ein Brand war, der von Hausbewohnern gelegt wurde. Als Safwan E. der Prozess gemacht wird, kommt es zum Freispruch. Der Tod der zehn Flüchtlinge bleibt ungesühnt.

Der verheerende Brand und der Fall Hafenstraße haben die Lage von Flüchtlingen in Deutschland grundlegend geändert. Es war das Ende der Sammelunterkünfte, der Beginn der dezentralen Unterbringung.

Nie wieder sollte eine solche Wohnsituation, ein ganzes Haus voller Flüchtlinge, Angriffsziel für einen Anschlag sein können — auch wenn nie bewiesen wurde, ob es einer von außen oder von innen war.

19 Jahre später und angesichts der Gewalt in der Welt mit ihren vielen Flüchtlingen gibt es in Deutschland nun doch wieder Sammelunterkünfte; und Anschläge, wie den jüngst von Grabau (Kreis Stormarn). Der letzte Satz auf dem Gedenkstein an der Hafenstraße lautet: „Der Tod der Opfer und das Leid der Hinterbliebenen mahnen uns, für die Rechte und die Sicherheit von Flüchtlingen einzutreten.“

Die Stadt gedenkt der Opfer mit Veranstaltungen
„Hafenstraße 96“ — unter dieser Überschrift findet heute eine Gedenkveranstaltung am Brandort, Hafenstraße/Ecke Konstinstraße, statt. Sie beginnt um 12 Uhr. In der Nacht zum 18.
Januar 1996 starben dort bei einem Brandanschlag sieben Kinder und drei Erwachsene. 38 Überlebende verloren Angehörige und Freunde, trugen teilweise schwere Verletzungen davon.
„Persona non data“ heißt der Film, der heute um 20.30 Uhr im Kommunalen Kino Koki, Mengstraße 35, gezeigt wird. Im Anschluss an die Vorführung ist ein Gespräch mit der Filmemacherin Dorothea Carl geplant. In „persona non data“ erzählen 14 Menschen die Geschichten ihrer Flucht aus der Heimat. Zu Fuß, in Booten, mit Helfern und auf der Flucht vor Krieg, Giftgas, Folter, Angst und Schrecken. Manche sind noch Kinder.
„Asyl-Dialoge“: Das Theaterstück wird am Donnerstag, 29. Januar, um 19 Uhr in der Diele, Mengstraße 41-43, aufgeführt. Das dokumentarische Werk ist aus realen Interviews mit geflüchteten Menschen entstanden.

Susanne Peyronnet

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In einem Dossier haben wir die wichtigsten Fakten zu dem furchtbaren Brand in der Lübecker Hafenstraße 1996 zusammengestellt. Mit Grafiken, Videos, einer interaktiven Timeline und Berichten.

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