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Forscher sind dem Karpfen auf der Spur

Lübeck Forscher sind dem Karpfen auf der Spur

Ein Fraunhofer-Team ist durch Deutschland gereist, um die Gene des „Brotfisches“ für die Nachwelt zu retten.

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Fraunhofer-Doktorandin Aileen Reichel zieht ein Regal mit Zellproben-Behältern aus dem Stickstoff-Tank.

Quelle: Fotos: Felix König (2), Imago

St. Jürgen. Als Doktorandin Aileen Reichel den schweren Deckel des Tiefkühltanks öffnet, schlägt ihr erstmal eine Riesen-Nebelschwade entgegen. Kein Wunder — schließlich lagert hier in großer Kälte, genau genommen bei Temperaturen von minus 145 bis minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff wertvolles Zellmaterial. „Insgesamt konnten wir rund 1000 neue Proben während der Laichzeit von Anfang Mai bis Ende Juni einsammeln, um sie in unserer Cryo-Brehm einzulagern“, erklärt die Wissenschaftlerin, die zur Probenkontrolle in die Laborhalle mit den zahlreichen, silbernen Behältern gekommen ist.

Die „Deutsche Zellbank für Wildtiere“ des Lübecker Fraunhofer-Instituts, kurz „Cryo-Brehm“ genannt, die im Jahr 2010 in der Hansestadt gegründet wurde, fungiert als Bio-Datenbank für Erbmaterial von Zoo- und Wildtieren, also sozusagen als „Gen-Arche-Noah“, um diese nicht zu ersetzenden genetischen Ressourcen möglichst lange für kommende Generationen erhalten zu können. „Diesmal haben wir in erheblichem Umfang Spermien und Embryonen vom Karpfen eingefroren“, berichtet Dr. Sebastian Rakers von der Arbeitsgruppe Aquatische Zelltechnologie.

Für ein von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) gefördertes Projekt legte das Fraunhofer-Forscher-Team um Rakers und seiner Kollegin Dr. Marina Gebert 4000 Kilometer durch die Republik zurück, um verschiedene Karpfen-Züchter anzufahren. „Elf Betriebe in fünf Bundesländern haben wir aufgesucht, um dort die Fische zu beproben“, so Rakers. Und da das Keimzellen-Material — damit es nicht seine Lebensfähigkeit verliert — schnell ins Eis muss, war die Wissenschaftler- Crew mit dem Mobilen Zelltechnik-Labor, also dem imposanten Fraunhofer-Truck samt voll ausgestattetem Laborcontainer unterwegs.

„Dies hat natürlich mitunter für einiges Aufsehen gesorgt, wenn wir in Bayern oder Sachsen über Land zu einem abgelegenen Fischwirt gefahren sind“, erzählt der Biologe. Dass nun der Karpfen in den Fokus der Wissenschaftler gerückt ist, die inzwischen Zellgut von fast 20 Süß- und Salzwasser-Fischarten für die Nachwelt tiefgefroren haben, hat folgenden Hintergrund: „Zwar gibt es etwa 3800 Betriebe bundesweit, die den ,Brotfisch‘ Karpfen produzieren. Aber es gibt nur noch 113 Betriebe — und hier ist die Tendenz weiter sinkend —, die selbst für die Nachkommen sorgen“, erläutert der Fraunhofer-Mitarbeiter. Die Folge sei entsprechend, dass die genetische Vielfalt kontinuierlich abnehme.

Nun aber habe man zumindest einen kleinen Teil des Genpool-Bestandes von Cyprinus carpio, so der lateinische Name, in der Cryo- Brehm gesichert. „Häufig hängt ja auch eine regionale Identität an so einem Ernährungs-Produkt“, so Rakers, „die Region um das fränkische Aischgrund habe sich zum Beispiel den Namen ,Karpfenland‘ gegeben.“ Der Forscher denkt weiterhin an eine Art kommerzieller Samenbank auch für die Teichwirtschaft oder Aquakultur. Die Vorbilder gebe es ja bereits in der Landwirtschaft bei Rindern, Schweinen, Pferden et cetera, so dass die Idee eigentlich gar nicht so weit hergeholt sei, merkt er an.

Fragt man den Forscher, ob er denn selbst auch den Wild- oder Spiegelkarpfen als Mahlzeit schätze, kommt die Antwort etwas zögerlich. „Ich gebe zu, dass ich vor dem Projekt wegen des leicht modrigen Geschmacks kein Karpfen-Fan war. Doch lag dies wohl daran, dass ich nur die Zubereitungsart ,Karpfen blau‘ kannte“, erzählt er. Denn ein kulinarisches Aha-Erlebnis in einem bayerischen Gasthof habe ihm dann „den Gaumen geöffnet“. „Da gab es Karpfenfilet mit Meerrettich-Apfelkruste überbacken — ein echter Genuss“, stellt er fest. Nicht nur deswegen hofft er, dass das Forschungsprojekt im nächsten Jahr noch eine Verlängerungsphase bewilligt bekommt.

„Wissenschafts-Tempel“ Fraunhofer-Institut
Ende April wurde das Institutsgebäude der Fraunhofer Einrichtung für Marine Biotechnologie (EMB) eröffnet. Der Neubau beherbergt auf einer Fläche von rund 5200 Quadratmetern modernste Anlagen und Einrichtungen für Biomedizinische Untersuchungen, für die Entwicklung von neuen intelligenten Geräten für Zellkulturlabore, für Aquakultur- und Gewässersimulierungs-Erprobungen sowie ein „Technikum“ für Lebensmittelforschung. Moderne Biobanken wie die „Cryo- Brehm“ — für zum Beispiel Fischarten wie den Karpfen (Foto) — und der Ausbau von Gewächshäusern ergänzen den Forschungsbereich.
Für den Bau mit Platz für 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Erstausstattung sind Fördermittel von Land, Bund und Europäischer Union in Höhe von insgesamt 30 Millionen Euro geflossen.

Michael Hollinde

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