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Lübeck Frieden leben: „Lübeck ist nicht Bagdad“
Lokales Lübeck Frieden leben: „Lübeck ist nicht Bagdad“
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21:13 19.05.2016
„Wir haben Angst, dass Vorurteile gegenüber Juden nicht abgelegt werden.“Rabbiner Yakov Harety

Wie groß das Interesse an dem Gesprächsabend ist, erklärt Oda Rose-Oertel, Sprecherin der Gemeindediakonie, als sie ihren Blick durch den Saal schweifen lässt: „Die Plätze waren in kürzester Zeit vergeben – beim nächsten Mal werden wir für größere Räumlichkeiten sorgen.“ Bis auf den letzten Platz ist der Saal im Hansemuseum besetzt. Das Publikum ist so unterschiedlich wie die geladenen Gesprächspartner. Unter dem Motto: „Glauben in Zeiten des Terrors“ sind Lübecker Muslime, Christen, Juden und Konfessionslose vereint, um offen über neue und alte Herausforderungen zu diskutieren.

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Juden, Christen und Muslime begegnen sich in offener Gesprächsreihe der Diakonie – Glauben in Zeiten des Terrors.

„Seit dem letzten Herbst ist viel passiert, immer noch kommen monatlich etwa 150 Flüchtlinge zu uns“, sagt Dörte Eitel von der Gemeindediakonie. „Obdach und Asyl sind aber keine Integration – die fängt jetzt erst an“, so Eitel. Dazu gehöre der gegenseitige Respekt von unterschiedlich Glaubenden, gerade in Zeiten des Terrors.

Ein großes Thema in der Glaubens-Debatte sind Vorurteile und Pauschalisierungen, die nicht nur in den drei Religionen bestehen. „Wir sind offen gegenüber muslimischen Flüchtlingen, haben aber Furcht vor denjenigen, die mit Hass auf Juden aufgewachsen sind“, erklärt Dr. Yakov Yosef Harety, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Lübeck. Für Gewalt und Hass gebe es keinen Platz, dafür aber die Angst, dass Vorurteile nicht an der Grenze abgelegt würden.

„Wer schlimme Erfahrungen gemacht hat, kann seine Angst nicht rational beiseite legen – auf keiner der Seiten“, versucht Pröpstin Petra Kallies zu erklären, wird aber gleichzeitig deutlich in Bezug auf die Hansestadt. „Lübeck ist nicht Bagdad. Ich will mit allen, die guten Willens sind, über die Grenzen des Glaubens hinaus leben.“ Terror sei nicht Gottes-, sondern Menschenwerk und müsse auch von Menschen beendet werden. „Unsere Gesellschaft ist sehr rasch bunt geworden“, sagt der Hamburger Imam Abu Ahmed Jakobi. Deshalb hätten sich Spannungen entwickelt, die von selbst nicht verschwinden würden. „Viele Muslime sind geschockt über das, was im Namen ihrer Religion momentan geschieht.“ Einige Jugendliche würden sogar die Moschee meiden, aus Angst radikalisiert zu werden. „Religion ist immer appetitlich für Mobilisierung“, erklärt der Imam. Vor diesem Missbrauch müssten die Religionen geschützt werden. Pastor Axel Matyba, Islambeauftragter der evangelischen Nordkirche, ist der gleichen Meinung: „Auch in anderen Religionen gibt es Radikalisierung, das kann man nicht außer Acht lassen.“

Sowohl Matyba als auch Jakobi verzeichnen einen Anstieg von interessierten Jugendlichen. „Fast 70 Prozent der Menschen in der Moschee sind unter 25 Jahre alt“, so Jakobi. Wichtig sei zu klären, was der Grund für das Religionsinteresse ist. Er glaubt, dass viele junge Menschen sich nicht aufgehoben fühlen. „Sie brauchen Wärme, Ziele und Träume, wenn ein gemäßigter Islam ihnen das nicht bieten kann, verlieren sie sich vielleicht in gefährlichem Gedankengut. An seiner Seite nickt Rabbi Harety anerkennend: „Religion ist Frieden und Liebe, das müssen wir vermitteln.“

Wie gut und problemlos ein Miteinander zwischen Andersgläubigen funktionieren kann, zeigt Erzieherin Claudia Moll-Gienke von der evangelisch integrativen Kindertagesstätte Haus in der Sonne. „Dass 30 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben, ist nichts Neues – das war bei uns schon immer so“, erklärt sie. Viele Eltern würden ihren Nachwuchs im Haus in der Sonne anmelden, um sie Religion erfahren zu lassen. „Wir beten gemeinsam, aber jeder kann das so tun, wie es für ihn richtig ist“, so Moll-Gienke. Kinder würden dann schnell ins Gespräch kommen und Fragen stellen. „Sie vermuten hinter nichts etwas Böses – das macht die Begegnung sehr leicht.“ Am Ende hätten alle viel gemeinsam. Was das ist, fasst Rabbi Harety zusammen: Der kleinste gemeinsame Nenner der Religionen und Menschen verschiedenen Glaubens ist doch der Frieden. Und den wollen wir wohl alle.“

Tomma Petersen

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