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18:15 09.06.2017
Die Holzrestauratorin Stephanie Schipper (43) hat die Einblattdrucke aus der frühen Neuzeit entdeckt. Quelle: Fotos: Lutz Roessler

Mit Axt und Kuhfuß hatten sie einen Teil des 400 Jahre alten Gestühls in der Jakobikirche auseinandergebrochen und es draußen auf einem Haufen gestapelt. Es muss 1956 oder 1957 gewesen sein, erinnert sich Sabine Hauschild. Sie war 13 oder 14. Sie sah, dass auf einigen der Bretter bunte, alte Bilder klebten. Nach der Probe des Sing- und Spielkreises ging sie zum Kirchenvogt und fragte ihn, was mit dem Holz passieren solle. Das werde verbrannt, antwortete er. „Ich hab’ mir das gegriffen, was ich tragen konnte“, erinnert sie sich. Drei Bretter trug sie zu Fuß vom Koberg bis in die Moltkestraße. Jetzt sind sie Teil der Ausstellung „Die Macht der Bilder oder Ökumene des Volkes“ in der Jakobikirche.

St. Jakobi zeigt 400 Jahre alte Einblattdrucke aus seinen Kirchenbänken – Weitere Funde erwartet.

Die Bilder auf den Brettern waren Einblattdrucke – so etwas wie Poster der frühen Neuzeit, mit denen fromme Gemeindeglieder im 16. und 17. Jahrhundert die Innenseite der Spinde beklebten, die zu den Kirchenbänken der angestammten Gottesdienstbesucher gehörten. Kolorierte Einblattdrucke waren für einfache Leute erschwinglich. Nur dass die Stars auf den Postern jener Zeit eben keine Sänger oder Schauspieler waren, sondern Maria und Jesus. Maria war auch nach der Reformation eine populäre Gestalt – deshalb „Ökumene des Volkes“.

60 Jahre nach Sabine Hauschilds Fund hat der Zeitgeist sich geändert. Jahrhunderte altes Kirchengestühl kommt nicht mehr auf den Müll, sondern wird restauriert. Im vergangenen Jahr entdeckte die Holzrestauratorin Stephanie Schipper in einer der Kirchenbänke, die sie wieder herrichtete, einen prächtigen Druck, der eine Madonna mit Jesuskind zeigte (LN berichteten).

Die Entdeckung erregte Aufsehen. Jakobi-Pastor Lutz Jedeck erfuhr, dass 1870 schon einmal Einblattdrucke in der Jakobikirche entdeckt worden waren. Damals hatte man sie immerhin nicht auf den Müll geworfen. Sie gelangten in die Sammlung des späteren St.-Annen-Museums. Aus diesem Bestand kommen – teils im Original, teils als Reproduktionen – die übrigen Bilder der Ausstellung. Alle Drucke zeigen die Gottesmutter oder Szenen aus dem Leben Jesu, darunter stehen oft fromme Verse.

Wie viele Bilder in den Bänken verborgen sind, ist noch unbekannt. Fast alle Türen sind zugenagelt. Nur eine war mit einem Schraubenzieher zu öffnen. Die übrigen lassen sich nicht öffnen, ohne das Holz zu beschädigen. Deshalb haben Jedeck und Schipper eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin zu Hilfe geholt. Sie brachte ein Endoskop mit, an dessen Ende ein zwei Millimeter kleines Kameraobjektiv und eine starke Leuchte sitzt. Eine Reihe von acht Spinden haben sie damit schon untersucht – und in allen waren Reste von Einblattdrucken. Bleiben noch 54 Spinde, in denen mit Sicherheit noch weitere Drucke ihrer Entdeckung harren.

Jedeck möchte, dass alle Blätter, die jetzt noch gefunden werden, gründlich dokumentiert und erforscht werden. „Wir würden gern jemanden finden, der eine Masterarbeit oder eine Doktorarbeit darüber schreibt“, sagt er. Aber er wünscht sich auch, dass die Bilder bleiben, wo sie sind. In ihrem ursprünglichen Zusammenhang. Dort, wo fromme Kirchgänger sie vor 400 Jahren aufklebten, um ihre Spinde zu verschönern.

Vernissage in der Kirche

Die Ausstellung „Die Macht der Bilder oder Ökumene des Volkes“ wird am morgigen Sonnabend um 17 Uhr in der Jakobikirche eröffnet. Sie ist bis 17. Juli täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Zur Vernissage kommen der Germanist Michael Schilling und Ex-Ministerpräsident Björn Engholm.

Einblattdrucke gab es schon vor der Erfindung des Buchdrucks – als Holzschnitte. Seit etwa 1400 wurden so religiöse Bilder für den privaten Gebrauch verbreitet. Später kamen erbauliche Texte hinzu.

 Hanno Kabel

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