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Lübeck Früherer Leiter der Geesthachter Methadon-Ambulanz bestreitet Vorwürfe vor Gericht
Lokales Lübeck Früherer Leiter der Geesthachter Methadon-Ambulanz bestreitet Vorwürfe vor Gericht
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22:35 11.07.2018
Das Johanniter-Krankenhaus, aufgenommen am 25.06.2013 in Geesthacht. Quelle: Ulrich Perrey/dpa/Archiv
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Lübeck/Geesthacht

Das Projekt war vielversprechend und lief auch lange ziemlich gut, aber dann zog die Leitung des Geesthachter Johanniter Krankenhauses 2016 die Notbremse und stellte die eigene Methadon-Ambulanz ein. Die Staatsanwaltschaft hatte Ermittlungen wegen des Verdachts der unerlaubten Abgabe von Betäubungsmitteln sowie des Abrechnungsbetrugs eingeleitet. Zum ersten Punkt stehen der damalige Ambulanzchef und Ex-Chefarzt sowie dessen Vorgänger in der Ambulanz vor Gericht, in beiden Anklagepunkten nur der ehemalige Chefarzt, der 63 Jahre alte frühere Leiter der psychiatrischen Abteilung.

Beim Prozessauftakt am Mittwoch vor dem Landgericht Lübeck legte der Hauptbeschuldigte eine umfangreiche Stellungnahme über mehr als 20 Seiten und mit zahlreichen Dokumenten vor, deren Verlesung alleine über eine Stunde dauerte. Über weite Strecken wirkten die Einlassungen wie ein Gutachten, die mit ihrer Detailfülle darauf abzielten, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu entkräften. Die legt den Medizinern zur Last, den Drogenersatzstoff Methadon zusammen fast 5000 Mal im Rahmen eines Entwöhnungsprogramms für Abhängige unerlaubt an Patienten weitergegeben zu haben.

Angeklagter legt vermeintliche Belege vor

Der 63-Jährige soll rund 29 000 Euro für Leistungen abgerechnet haben, die gar nicht erbracht worden seien. Dass beide Anklagepunkte haltlos seien, versuchte der Hauptbeschuldigte Mediziner mit seiner Darlegungen zu belegen. Weder sei die über Jahre angewandte Praxis der Aushändigung von Methadon an „zuverlässige“ Patienten zur selbstständigen häuslichen Einnahme illegal gewesen, noch sei der Betrugsvorwurf berechtigt. Vielmehr, so der Mediziner weiter, würden die Vorwürfe der Ermittlungsbehörden teils auf falschen Tatsachen oder fehlerhaften Ermittelungen basieren. Auch dafür legte er vermeintliche Belege vor.

Insgesamt sehe die Bilanz des Substitutionsprojektes ganz anders aus. „Um Geld zu machen, hätte es viel einfachere Mittel gegeben“, betonte der Hauptbeschuldigte. Das Ambulanzprojekt hätte nur etwa zehn Prozent der üblichen Kosten für Entwöhnungsprojekte verursacht. Seinem Vorgänger und ihm sei lediglich das Wohl der Patienten am Herzen gelegen.

Der Unterschied: Ein Chefarzt ist kein Apotheker

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Die in der Klinik ansässige Methadon-Ambulanz, die dauerhaft von einem bestimmten Apotheker aus der Region mit dem Medikament beliefert wurde, habe sich aus vielerlei Gründen bewährt. Vor allem sei diese klinikgestützte Einrichtung notwendig geworden, weil sich für den Kreis von etwa 100 „nicht Wartezimmer-tauglichen“ Patienten im Jahr keine Apotheke für ambulante Versorgungen mit der Ersatzdroge gefunden habe.

Dass drogenabhängige, nicht selten in einen beschaffungskriminellen Lebenswandel verstrickte Patienten zum möglichen Missbrauch geeignete Medikamente aus einer ambulanten Behandlung einfach so mit nach Hause nehmen können, verstößt allerdings gegen das Betäubungsmittelgesetz. Denn der Ex-Chefarzt war zwar zuletzt der verantwortliche Leiter der Ambulanz, aber kein Apotheker.

Zeugin hatte den Ex-Chefarzt auf "rechtliche Probleme" hingewiesen

Auf diese Diskrepanz wurde man schließlich auch innerhalb des Krankenhauses aufmerksam. Das bestätigte eine 2016 kurzzeitig in der Klinik beschäftigte junge Assistenzärztin aus Hamburg, die als Zeugin geladen war. Sie habe die Verantwortlichen, auch den Ex-Chefarzt, auf gewisse „rechtliche Probleme“ hingewiesen. Kurz darauf wurde dieser von seiner Chefarztposition entbunden und das Ambulanz-Projekt wurde zunächst strukturell verändert, dann ganz eingestellt. Die betroffenen Patienten mussten sich andere Substitutionsanbieter suchen, wobei das Krankenhaus Hilfestellung gab.

Obwohl sich ganz offensichtlich die Klinikleitung dadurch von der über Jahre angewandte Praxis distanzierte, bleiben die beiden Beschuldigten dabei, sich keiner Straftat schuldig gemacht zu haben. Für beide hätte ausschließlich die ethische Frage im Vordergrund gestanden. Deshalb plädieren die beiden Verteidiger auch jeweils für Freispruch.

Wesentlich dürfte die Aussage des beteiligten Apothekers sein, der für den Verhandlungstag am 25. Juli als Zeuge geladen ist.

Von Matthias Wiemer

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