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Geboren in Lübeck: Baby Arin aus Syrien

Lübeck Geboren in Lübeck: Baby Arin aus Syrien

Mutter Ghaithaa (38) wohnt mit ihrem Mädchen in einer Flüchtlings-WG — Sie teilen sich zu fünft eine Drei-Zimmer-Wohnung und hoffen auf eine Zukunft für die Kleine.

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Mutter Ghaithaa (38) war mit Baby Arin schwanger, als sie aus Syrien geflüchtet ist. Ihre Kinder Ribar (15, l.), Sibar (18) und Solaf (nicht auf dem Foto) konnten erst später mit dem Vater nachkommen.

Quelle: Fotos: Maxwitat

Lübeck. Vor vier Wochen ist Arin in Lübeck auf die Welt gekommen. Ihre Mutter ist mit dem kleinen Mädchen im Bauch alleine aus Syrien bis nach Deutschland geflohen.

Sie kamen zu Fuß und per Schlauchboot über die Balkanroute. Jetzt hofft die 38-Jährige auf eine Zukunft für ihre kleine Lübeckerin — ohne Krieg und Gewalt.

Arin liegt in den Armen von Mama Ghaithaa und schaut mit braunen Augen zu ihr hinauf. „Meine kleine Feuerflamme“, sagt die 38-Jährige, küsst ihr Kind sanft auf den Kopf. „Sie ist ein Wunderkind, stark und hat schon so viel miterlebt.“ 20 Tage war die Schwangere mit einer Gruppe anderer Flüchtlinge unterwegs, sie hatte Blutungen und an der ungarischen Grenze seien sie geschlagen worden. Das alles erzählt sie ohne jede Bitterkeit. Stattdessen lächelt sie viel, wie ihre Kleine.

Aber dann beginnt das Mädchen im gelben Strampler zu weinen. „Sie hat Hunger“, erklärt die Mama und setzt sich mit dem Säugling zum Stillen aufs Bett. Das steht in einem etwa 15 Quadratmeter kleinen Zimmer in einer Flüchtlings-WG. Brauner Teppich, ein Schrank, ein Nachttisch, eine Wiege. Kein Tisch, keine Stühle, keine Bilder, keine Gemütlichkeit. Aber Ghaithaa beklagt sich nicht. Auch nicht über das enge Zusammenleben. „Alle sind nett, wir verstehen uns.“ Dabei kommen die Frauen aus verschiedenen Ländern, sprechen unterschiedliche Sprachen und teilen sich zu viert plus Baby eine Drei-Zimmer- Wohnung in einem Mehrfamilienhaus auf Marli. Küche und Bad sind winzig, ein Zimmer ist ein Durchgang.

Wenn Hebamme Kathrin Schumacher (54) die Mutter besucht, bringt sie eine Sprachmittlerin mit. Nagham (33) kommt selber aus Syrien, spricht inzwischen fließend Deutsch. Sie ist vielerorts und manchmal fünf Tage die Woche für ihr Ehrenamt im Einsatz. „Für mich ist sie unverzichtbar“, betont die freiberufliche Geburtshelferin, die derzeit 18 Flüchtlingsfrauen betreut. „Ich habe mir inzwischen ein Netzwerk für viele Sprachen aufgebaut“, sagt die 54-Jährige, die mit fünf weiteren Hebammen zusammenarbeitet. „Gerne würde ich die Frauen umfangreicher betreuen, aber dafür bräuchte ich einen Familienhebammen-Auftrag von der Stadt.“ Denn bei ihren Terminen geht es nicht nur um Vorsorge und Wochenbettbetreuung. „Die Familien haben viele und umfassende Fragen“, erklärt sie.

Arins Mutter betreut die Hebamme seit November, in Lübeck angekommen ist Ghaithaa schon im August. Schlecht ging es ihr damals. Abgesehen von der Flucht und der Diabetes, die ihr zu schaffen macht, sorgte sie sich auch um den Rest ihrer Familie. Denn geplant hatte die Mutter ihre Flucht nach Deutschland so nicht. Ursprünglich wollte sie nur in die Türkei, um dort eine Arbeit zu finden und die Familie zu unterstützen. Denn ihr Mann ist krank und die Kinder gingen noch zur Schule. „Aber eine Arbeit zu finden, das war unmöglich. So habe ich mich den Flüchtlingsströmen angeschlossen.“ Zwei Monate dauerte es, bis ihr Mann Abdulah (47) und die Kinder Ribar (15), Solaf (16) und Sibar (18) nachkommen konnten.

Derzeit wohnen die Vier noch in der Unterkunft im Praktiker- Markt, doch diese Woche sollen sie alle zusammen ein Wohnung bekommen. Ein weiterer Schritt Richtung Hoffnung, auch für die Kinder. Die Großen wollten in der Heimat Abitur machen und studieren, jetzt hoffen sie zunächst auf einen Sprachkurs. Leider werden sie dann irgendwann auch verstehen, was ihnen Leute im Haus und auf der Straße zuraunen oder gar zurufen. „Ich kenne die Worte nicht“, meint Ghaithaa und möchte auch am liebsten nicht darüber sprechen. „Aber ich spüre, dass es nichts Schönes ist.“ Ob es für Arin irgendwann selbstverständlich wird, in Lübeck zur Schule zu gehen, dazuzugehören, nicht beschimpft zu werden, das weiß die Mutter nicht. Sie kann es für ihre kleine Lübeckerin nur hoffen.

Sprachmittler und Piktogramme im Kreißsaal

60 Flüchtlingsbabys etwa sind 2015 in Lübeck zur Welt gekommen. Das Uniklinikum Schleswig-Holstein schätzt, dass am Campus Lübeck 40 Kinder von Schutzsuchenden geboren wurden, insgesamt gab es 1494 Geburten. „Die Geburtshilfe des UKSH unternimmt besondere Anstrengungen in der Versorgung der Mütter, die aufgrund unklarer Keimsituationen vorsorglich in Isolierzimmern betreut oder auch sozialmedizinisch unterstützt werden“, sagt Sprecher Oliver Grieve.

Um sprachliche Barrieren zu überwinden, betreue die Einheit UKSH international diverse „Dolmetscher“. „Dazu zählen auch interessierte Mitarbeiterinnen“, so Grieve. „Am UKSH arbeiten mehr als 13500 Menschen — davon 1100 aus mehr als 120 Nationen.“ Laut Grieve legt man größten Wert auf Verständlichkeit und Aufklärung.

Im Marien-Krankenhaus kamen 2015 etwa 20 Flüchtlingsbabys zur Welt (insgesamt 1505 Geburten), sagt Ute Röder, Pflegedienstleitung. Um Sprachbarrieren zu überwinden, kämen nicht nur Sprachmittler zum Einsatz, sondern im Kreißsaal und auf der Wochenstation auch Piktogramme und Karten mit wichtigen Sätzen in verschiedenen Sprachen: „Guten Tag“, „Ich bin die Hebamme“, „Bitte atmen Sie ruhig“.

Cosima Künzel

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