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Lübeck Geiselnahme-Prozess: Schwere Vorwürfe gegen Polizei und JVA
Lokales Lübeck Geiselnahme-Prozess: Schwere Vorwürfe gegen Polizei und JVA
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09:38 17.12.2015
Die Angeklagten und ihre Anwälte haben beim Prozessauftakt am 04.11.2015 im Landgericht in Lübeck (Schleswig-Holstein) ihre Plätze eingenommen. Quelle: dpa
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St. Gertrud

Der Prozess um die Geiselnahme in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lübeck ging am Mittwoch in die nächste Runde: Inhaftierte, die das Geschehen an Heiligabend vergangenen Jahres beobachtet haben, sagten als Zeugen aus. Dabei verfolgten Richter, Staatsanwalt und Verteidiger insbesondere zwei Fragen: War bei den Angeklagten Kahaberi A. (25), Gintaras A. (51), Eugenijus F. (38) und Alexej S. (23) zur Tatzeit Alkohol im Spiel? Und ist möglicherweise Beweismaterial während der nachfolgenden Ermittlungen verschwunden?

Die vier Angeklagten sollen am 24. Dezember 2014 den Justizvollzugsbeamten K. als Geisel genommen haben, um die Öffnung der Gefängnistüren zu erpressen. Der Vorfall wurde erst einen Tag später bei der Polizei gemeldet, weshalb der damaligen Anstaltsleitung vorgeworfen worden war, den Vorfall vertuschen zu wollen. Entgegen der zuvor gemachten Aussagen der JVA-Beamten, die fast durchgängig berichteten, dass die Angeklagten zur Tatzeit nicht alkoholisiert gewesen wären, zeichneten die Zeugen nun ein anderes Bild. „Er war besoffen, taumelte ein wenig und roch stark nach Alkohol“, berichtete der Zeuge A. (47) über den Angeklagten Alexej S., dem vorgeworfen wird, die Geisel mit einem Brotmesser bedroht zu haben. „Der ganze Flur stank nach Alkohol.“ Auch weitere Zeugen bestätigten diese Beobachtung. Dass der Konsum von Alkohol auf der Haftstation keine Seltenheit gewesen sein soll, berichtete auch der Inhaftierte B. (38). „Etwa einen Monat vorher hat Alexej mir etwas angeboten“, so der Zeuge. „Es gab da auch noch einen anderen Russen, der eigentlich immer besoffen war.“ Beim Filzen seiner Zelle hätten die Beamten ständig Flaschen beschlagnahmt.

Drei der Zeugen erhoben aber noch weitere Vorwürfe gegen die Beamten. So bemängelten sie, dass die Polizisten, welche sie nach den Geschehnissen vernommen hatten, offenbar Teile ihrer Aussagen nicht zu Protokoll gebracht hätten. So zum Beispiel soll ein Vollzugsbeamter gewalttätig gegenüber dem Angeklagten Alexej S. geworden sein. „Ich habe der Polizei gesagt, dass der Beamte Alexej mehrmals gegen den Kopf getreten hat“, sagte einer der Zeugen. „Der sagte aber nur, dass das sein Recht sei.“ Das Thema Alkohol sei zudem bei den Vernehmungen gar nicht zur Sprache gekommen.

Besonders wütend erschien einer der Zeugen darüber, dass sich einer der JVA-Beamten als „heldenhafter Retter“ aufgespielt habe, weil er die Geiselnahme beendet haben soll. Der Zeuge habe schon im Vorfeld vor der Zelle beobachtet, dass die Angeklagten etwas planten und dann einem anderen Beamten Bescheid gesagt. Dieser soll jedoch nicht reagiert haben. Als Alexej S. dann den Vollzugsbeamten Rene K. als Geisel genommen und zur Hafttür gebracht hatte, soll sich der erste JVA-Beamte laut dem Zeugen „wie ein Mädchen“ im Büro versteckt haben. Erst als ein weiterer Insasse, Andre O., Alexej S. das Messer abgenommen hatte und mehrere Beamte den Angeklagten zu Boden gebracht hätten, sei er aus „seinem Versteck“ gekommen und habe Alexej S. „die ganze Zeit getreten“. Gegen den Beamten läuft inzwischen ein Disziplinarverfahren.

Dass dieser Beamte eine ganz andere Version der Geschehnisse erzählt hatte, führte dazu, dass die Zeugen noch einmal JVA-intern befragt worden seien. Wie die Inhaftierten darlegten, wurde einer von ihnen direkt nach dem Gespräch in die JVA Neumünster verlegt — mit der Begründung, dass dies zu seinem „Eigenschutz“ geschehe. Ein anderer Zeuge berichtete, dass er danach auf eine andere Station in der JVA Lübeck gebracht worden sei. „Die haben mich zur Strafe ins F-Haus gesteckt und mir vorgeworfen, ich hätte schwerwiegende Anschuldigungen gegen Beamte erhoben“, so der Mann. Er sei mit Pillen ruhig gestellt und psychologisch unter Druck gesetzt worden.

Am 6. Januar soll die Verhandlung mit weiteren JVA-Inhaftierten als Zeugen fortgeführt werden.

Lena Modrow

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