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Lübeck Gemälde statt Graffiti: Mysteriöser Künstler macht Lübeck schön
Lokales Lübeck Gemälde statt Graffiti: Mysteriöser Künstler macht Lübeck schön
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15:03 05.07.2017
Gleicher Stil wie bei der Petrikirche: In der Kanalstraße am Werkhof hängt ein weiteres Bild des unbekannten Künstlers. Quelle: Lintschnig
Innenstadt

Normalerweise hängt sein Gemälde im Museum Behnhaus Drägerhaus. Und der Hamburger Biedermeier-Maler Friedrich Wasmann hätte gewiss nicht gedacht, dass sein Kunstwerk „Heimkehr von der Arbeit“ mal auf einer Mauer in Lübeck zu sehen sein wird, als er es 1831 gemalt hat. Doch gegenüber der Petrikirche hat nun ein unbekannter Künstler einen Teil des Bildes der Tiroler Familie auf dem Heimweg auf einer kleinen Mauer angebracht — inmitten von Graffitimalereien. Wasmann malte mit Öl auf Leinwand, der Unbekannte bevorzugt bedrucktes Papier auf Steinmauer.

Klicken Sie hier, um alle Papier-Graffiti des mysteriösen Künstlers in der Lübecker Altstadt zu sehen!

Esther Rittwagen gefällt es. Die Mitarbeiterin der Lübecker Museen geht jeden Tag an der Petrikirche vorbei, wenn sie zur Arbeit geht. Am vergangenen Freitag hat sie das „Gemälde“ bemerkt: „Ich habe auf die Mauer mit den vielen Graffiti und dem großen Bild geschaut“, sagt die 34-Jährige. „Erst bin ich in Gedanken versunken einfach daran vorbeigelaufen.“ Aber dann fiel ihr auf, dass sie gerade etwas gesehen hatte, das sie sonst nur von woanders her kennt und ging zurück. „Normalerweise sehe ich das Bild ja nur in der Behnhausdiele in unserem Museum“, sagt Rittwagen. „Ich finde es wirklich schön. Und es hat mich gefreut, dass das Bild mitten in der Stadt hängt, wo es alle sehen können.“

Auch an dem Gemäuer des Werkhofs in der Kanalstraße hat der anonyme Künstler sich verewigt. Dort hängt zwischen einem Mülleimer und einem Stromkasten — im gleichen Stil wie der Wasmann an der Petrikirche — ein Porträt eines Mannes mit einem roten Turban. „Es ist wirklich beeindruckend gemacht, sehr kreativ“, sagt Piia, Inhaberin des Rucksackhotels, das im Werkhof ist. „Die Mauer ist sonst so hässlich. So etwas Kreatives macht die Stadt lebendig.“ Für Piia passt das Bild sogar richtig gut zu ihrem Hotel, schließlich kommen Gäste aus aller Welt zu ihr. „ Es muss auf jeden Fall hier hängen bleiben. Ich würde es sogar in meinem Hotel aufhängen.“

Ob auch das Bild des Turbanträgers einem berühmten Gemälde nachempfunden wurde, ist nicht sicher. Jutta Junge, Sprecherin der Lübecker Museen, kann es zumindest nicht direkt zuordnen. Aber sie hat eine Vermutung, was den unbekannten Künstler bei der Wasmann-Reproduktion angetrieben haben könnte. „Die Mutter mit dem Kind auf dem Arm erinnert bei Wasmann stark an Maria und das Christuskind. Die Tiroler Familie wird zur Heiligen Familie, wie sie etwa auf ihrer Flucht nach Ägypten dargestellt ist“, sagt Junge. „Vielleicht hat die Aktualität des Fluchtthemas den unbekannten Lübecker Künstler dazu animiert, die Figur der Mutter in den Lübecker Stadtraum zu bringen. Ich finde es entzückend und sehr kreativ.“

Das sieht man bei der Lübecker Polizei ganz anders. Ob kreativ oder nicht, ob es etwas mit Flucht zu tun hat oder nicht — „es erfüllt den Anfangsverdacht einer Straftat der Sachbeschädigung“, sagt Polizeisprecherin Anett Dittmer. Denn durch das Bild werde das Erscheinungsbild des Hauses nicht unerheblich über eine gewisse Dauer verändert. Obwohl man den angeklebten Papierdruck wahrscheinlich ohne größeren Aufwand abreißen könnte, und nicht wie bei Graffitimalereien teuer und aufwendig entfernen muss, bleibt es dabei. „Es muss keine Substanzverletzung geschehen, um den Tatbestand zu erfüllen“, so Dittmer.

Dennoch wünscht sich Esther Rittwagen, dass das Straßenkunstgemälde noch länger hängen bleibt. „Es sieht echt schön aus. Das kann man nun wirklich nicht von allen Graffitis behaupten“, sagt Rittwagen. „Klar, wahrscheinlich ist es gesetzlich nicht ganz in Ordnung. Aber ich freue mich immer wieder, es zu sehen. “

Das Wasmann-Gemälde hängt im Museum Behnhaus Drägerhaus – und gegenüber der Petrikirche. Quelle: Lübecker Museen
Das Original
Friedrich Wasmann ist 1805 in Hamburg geboren und 1886 im italienischen Meran gestorben. Der Maler des Biedermeier schuf vor allem Porträts und Landschaften in leuchtenden Farben.
Sein Werk „Heimkehr von der Arbeit“ stammt aus dem Jahr 1831. Wasmann malte eine Tiroler Bauernfamilie auf dem Heimweg von der Arbeit. Die Mutter mit dem Kind auf dem Arm erinnert an Maria mit dem Christuskind. Der Weg der Familie geht vom Dunkel ins Licht, das Gemälde hat also einen Hoffnungsschimmer.

Hannes Lintschnig

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