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Lübeck Gestern Bordell, morgen Hostel: Eröffnung Ende 2018
Lokales Lübeck Gestern Bordell, morgen Hostel: Eröffnung Ende 2018
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12:12 24.05.2018
Stanley Jakubeck (34, l.) und Lea Dotzauer (28) plus neun weitere Leute eröffnen ein Hostel in der Clemensstraße 7, betrieben wird es gemeinsam – im Kollektiv. Quelle: Fotos: Felix König
Lübeck

Alles anders. So macht es die Gruppe um Lea Dotzauer (28) und Stanley Jakubeck (34). Sie eröffnen ein Hostel in der Clemensstraße 7 – und nichts ist so, wie es normalerweise ist. Es ist ein politisches Projekt, das Experiment einer anderen Arbeitswelt. Ein kollektivbetriebenes Hostel. Keine Hierarchie, keine Chefs, kein Billiglohn, sondern Gemeinsamkeit, Konsens, Wertschätzung, Vertrauen. Was nach Träumerei klingt, ist zum großen Teil bereits Realität.

Außergewöhnliche Unterkunft: Ein Hostel wird in einem ehemaligem Bordell eröffnet – in der Clemensstraße 7, der einstigen Rotlichtmeile. Das Besondere: Das alternative Projekt wird von elf Leuten gestemmt. Das Investitionsvolumen: eine Million Euro. Eröffnung soll Ende des Jahres sein.

Crowdfunding

Die moderne Art, Geld zu sammeln: Auf der Internet-Plattform www.startnext.com kann man Geld einsammeln und Projekte wie das kollektivbetriebene Hostel „schickSaal“ unterstützen. Wer 37 Euro spendet, erwirbt eine Nacht im Acht- Bett-Zimmer. Wer 3000 Euro gibt, reserviert ein Doppelzimmer mit Frühstück samt abendlichem Wein. Weitere Informationen über das Projekt unter www.schicksaal.net.

„Wir denken, dass vor allem junge Leute auf der Durchreise bei uns übernachten“, sagt Lea Dotzauer. Sie sitzt in der Rezeption im Erdgeschoss. Der Raum ist mit zwei beigefarbenen und einem grünen Oma-Sofa plus Sessel bestückt, im Hintergrund eine Stehlampe. Es ist renoviert, aber nicht fertig. Der Innenausbau fehlt. An einer Wand ist ein riesiges weißes Papierplakat angeheftet, darauf etliche Notizen, die festhalten, was noch zu tun ist. „Ein Hostel ist ein komplexer Betrieb“, sagt Stanley Jakubeck.

Die Fakten: Eine Million Euro beträgt das Investitionsvolumen. Das Grundkapital ist zusammengekommen durch eigenes Geld, Kredite direkt von Unterstützern und der Possehl-Stiftung. Der Rest wird über Banken finanziert. Jetzt heißt das ehemalige Bordell „schickSaal“– ein gewollt doppeldeutiges Wortspiel. Das viergeschossige Gebäude hat 330 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Das Hostel hat zehn Zimmer und 46 Betten. Es werden fünf bis sechs Jobs entstehen. Eröffnet werden soll Ende 2018.

Eine Nacht für 17 Euro

Ausgeräumt und entrümpelt ist das Gebäude bereits. Derzeit wird Elektrik, Wasser und Strom installiert. Jetzt geht es an die Inneneinrichtung. „Wir wollen die Räume individuell und kreativ gestalten“, freut sich Lea Dotzauer. Im Erdgeschoss ist die Rezeption samt Café, das sich abends in eine Kneipe verwandeln soll. Dahinter gibt es eine kleine Küche, dort sollen leckere Snacks zubereitet werden. Außerdem ist ein Büro im Erdgeschoss sowie eine Gemeinschaftsküche und ein Mini-Innenhof. Über die breite Treppe geht es in den ersten Stock. Dort entstehen ein Doppelzimmer, zwei Vier-Bett-Zimmer, ein Sechs- Bett-Zimmer sowie ein Waschraum mit Duschen. Im zweiten Stock dasselbe noch einmal – und unter dem Dach ist ein Acht-Bett- Zimmer und ein Sechs-Bett-Zimmer untergebracht sowie eine weitere Gemeinschaftsküche. Derzeit soll das Doppelzimmer 56 Euro pro Nacht kosten, ein Bett im Acht-Bett-Zimmer 17 Euro.

Blick zurück: Am Anfang stand nur die Idee, gemeinsam ein Hostel aufzumachen. Das war Ende 2015 im Solizentrum der Alternativen auf der Wallhalbinsel. Die Mitstreiter sind zwischen 22 und 50 Jahre alt, kommen aus Deutschland, Afghanistan, dem Iran. Sie haben sich zusammengetan und den Verein zur Förderung kollektiven Wirtschaftens gegründet. „Ich habe noch nie so lange mit so viel Freude in einer Gruppe gearbeitet“, sagt Lea Dotzauer. Im Detail ist die Struktur komplex, es gibt zwei Vereine und zwei GmbHs – jeweils einen für die Eigentümer der Immobilie und jeweils einen für die Betreiber des Hostels. Aber es sind stets dieselben Leute. Die Crew um Lea und Stanley haben zuvor einige Gebäude unter die Lupe genommen. „Wir hatten an eine alte Halle gedacht – auf der Roddenkoppel“, sagt Stanley Jakubeck. Aber: „Das war alles viel zu groß.“

"Zur goldenen 7"

Die Wahl fiel auf ein ungewöhnliches Objekt: ein Bordell in der Clemensstraße 7. Als die Rotlichtmeile vor zwölf Jahren aufgegeben wurde, war dies das letzte Freudenhaus „Zur goldenen 7“. Doch dann war es vorbei mit dem stundenweisen Glück. Die Meile machte dicht, das Haus stand teils leer. Zwischendurch gab es eine Kneipe. In der habe sich die rechte Szene getroffen, haben Lea, Stanley und Co.

herausgefunden. Dann haben sie das Haus gekauft – und die Bar ist dicht, die Rechten sind nicht mehr da. Ein durchaus gewollter politischer Akt. Lea Dotzauer: „Das haben wir schon mal geschafft.“

 Josephine von Zastrow

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