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Lübeck Gesund oder nicht zu retten? Gutachterstreit über die Linden
Lokales Lübeck Gesund oder nicht zu retten? Gutachterstreit über die Linden
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20:55 26.08.2016
Dr. Lutz Fähser war von 1986 bis 2009 Chef der Stadtforsten und kämpft jetzt für den Erhalt der Linden an der Untertrave. Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Innenstadt

Das Aktionsbündnis „Lübecks Linden leben lassen“ hat einen renommierten Mitstreiter gewonnen. Lutz Fähser, 23 Jahre lang Chef der lübschen Stadtforsten, arbeitet seit einer Woche im Bündnis mit. Gestern zerpflückte Fähser bei einer Pressekonferenz das Baumgutachten, mit dem die Stadt den Kahlschlag der 46 Winterlinden an der Untertrave fachlich begründet.

 

„Verglichen mit anderen, 50 Jahre alten Linden sind die an der Untertrave Bonsais.“Baumgutachter Andreas Scheel

Fähser erinnerte daran, dass die gleichen Bäume bei der ersten Untertrave-Überplanung 2003/2004 noch als erhaltenswert eingestuft wurden. Die Linden seien auch heute noch durchschnittlich gesund, erklärt der Mann, der seit 30 Jahren Bäume begutachtet. Das langsame Wachstum sei charakteristisch für die Winterlinde. Das Austreiben von Ästen am Stamm sei beileibe kein Todesurteil, sondern ebenfalls typisch. Als lächerlich bezeichnete Fähser, dass eine Verbesserung der Standortbedingungen (größere Baumscheiben, mehr Nährstoffaufnahme) zum Absterben der Bäume führen würde. „Es gibt keinen vernünftigen biologischen Grund für das Abholzen der Linden“, erklärte Fähser. Dass der von der Stadt beauftragte Baumgutachter Andreas Scheel zu ganz anderer Einschätzung kommt, begründet Fähser damit, „dass dieser in einer Zwangslage gewesen sei“. Das Wort Gefälligkeitsgutachten wollte der frühere Bereichsleiter ausdrücklich nicht in den Mund nehmen.

Diesen Vorwurf hätte Andreas Scheel auch vehement zurückgewiesen. „Ich habe ein unabhängiges Gutachten erstellt“, sagt der Sachverständige, der seit 25 Jahren Bäume beurteilt. Scheel bleibt dabei, dass diese Bäume seit 50 Jahren Probleme an dem Standort haben und deshalb auch im Vergleich zu anderen Winterlinden kleinwüchsig seien. „Linden sind sonst doppelt so groß und haben breite Kronen“, erklärt der Gutachter auf LN-Anfrage, „die Bäume an der Untertrave entsprechen nicht dem Habitus einer 50 Jahre alten Winterlinde – das sind Bonsais.“ Die Linden hätten sich an diesen eingeschränkten Standort gewöhnt. Scheel: „Dieser Zustand wird sich nicht verbessern.“ Die kleine Mauer, in die sich das Wurzelwerk gefressen hat, dürfte nicht entfernt werden, wenn die Linden stehen bleiben sollen.

Scheel: „Dann bekommen die Bäume ein statisches Problem, sie fallen um.“ So argumentierte gestern auch noch einmal die Verwaltung. Kommentar von Fähser: „Das ist lächerlich.“

Auch an den von Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) ins Spiel gebrachten Alternativen ließ der frühere Forstchef kein gutes Haar. Der Japanische Schnurbaum sei in Teilen hochgiftig, Purpurerle und Hopfenbuche könnten Allergien auslösen – und die von den LN-Lesern mit großer Mehrheit ausgewählte Schwedische Mehlbeere benötige viel Pflege, feuchte Böden und sei untauglich für den Klimawandel.

Das Aktionsbündnis hat Saxe einen Manipulationsversuch vorgeworfen. Die von ihm vorgelegte Kostenschätzung für das Bürgerbegehren solle die Bürger verunsichern und davon abhalten, zu unterschreiben.

Laut Stadt droht der Verlust von rund zehn Millionen Euro an Fördermitteln, wenn die Linden bleiben. Das Bündnis bestreitet das und behauptet, dass ein Großteil der Gelder noch gar nicht zugesagt sei. Mitglieder des Bündnisses versuchen durch Akteneinsicht herauszufinden, ob die Stadt sich von der eigenen Baumschutzsatzung für diesen Kahlschlag befreien ließ. Die seit fünf Tagen laufende Unterschriftensammlung für das Bürgerbegehren sei nach Aussage des Bündnisses bislang erfolgreich. Genaue Zahlen wurden noch nicht genannt. „Wir sind in den Tausendern“, erklärten Arnim Gabriel, Ingrid Boitin und Alexandra Stauvermann.

 Kai Dordowsky

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