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Lübeck Gesundheitsamt stand vor dem Kollaps
Lokales Lübeck Gesundheitsamt stand vor dem Kollaps
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21:14 02.08.2016

Die Zahl der meldepflichtigen Magen-Darm-Infekte sowie Virusgrippe-Erkrankungen stieg im vergangenen Jahr stark an – von 751 Fällen (2014) auf 1205 Fälle. Die Zunahme traf das zuständige Gesundheitsamt mit Sitz in der Sophienstraße im denkbar ungünstigsten Moment. Mehrere Stellen von Ärzten und Gesundheitsaufsehern waren unbesetzt. Folge: „Der Infektionsschutz war nicht mehr in der Lage, seine Pflichtaufgaben auch nur annähernd zu erfüllen“, schreibt Bereichsleiter Dr. Michael Hamschmidt in einem Vermerk für Verwaltung und Politik. „Die Lage war dramatisch“, bestätigt Hamschmidt auf LN-Anfrage, „aber für die Bürger bestand keine Gefahr“.

Dr. Michael Hamschmidt leitet die Behörde seit 1990. Quelle: Leo Bloom

Notfälle habe das Gesundheitsamt regeln können, aber die gesetzlichen Pflichtaufgaben wie die hygienische Überwachung von Krankenhäusern, Pflegeheimen und Arztpraxen konnten nur eingeschränkt erfüllt werden. Die Hälfte der Stellen für Gesundheitsaufseher sei nicht besetzt gewesen, berichtet Hamschmidt. Gesundheitsaufseher recherchieren, wo Fälle wie hochansteckende Masernerkrankungen auftreten und wer sich alles angesteckt haben könnte. Ihre Arbeit ist unerlässlich, um die Verbreitung einer Krankheit zu verhindern. Ausgerechnet in dieser Lage sah sich Lübeck „in den letzten beiden Jahren Wellen von Norovirus- und Influenza-Erkrankungen“ ausgesetzt. Nach Angaben der Krankenkasse IKK Classic, die regelmäßig die Daten des Robert-Koch-Instituts in Berlin auswertet, fiel die vergangene Grippe-Saison in Lübeck und Schleswig-Holstein schwerer als im übrigen Bundesgebiet aus. In Schleswig-Holstein wurden von Oktober 2015 bis Ende April 2016 fast 2300 Influenza-Infektionen gemeldet – 23 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. In der Hansestadt wurde die Erkrankung bei 155 Menschen festgestellt (Vorjahr: 134).

Auch andere meldepflichtige Krankheiten legten zu. Zehn Fälle von Tuberkulose wurden 2015 in der Hansestadt gemeldet (Vorjahr: sieben). Bis Mitte vergangenen Jahres wurde bei 39 Lübeckern eine Neuinfektion mit Hepatitis C festgestellt – im ganzen Jahr 2014 waren es nur 19 Fälle. Zu Jahresbeginn gab es in der Erstaufnahme für Flüchtlinge auf dem Volksfestplatz einen Aufnahmestopp, weil fünf Kinder an Windpocken erkrankt waren. „Infektionsschutz wird immer wichtiger“, sagt Bereichsleiter Hamschmidt. „Die Menschen reisen durch die Welt und bringen Infekte mit, zu viele Menschen sind nicht geimpft – und die Zahl der multiresistenten Keime nimmt zu.“ Die rasante Verbreitung der tödlichen Ebola-Krankheit in Westafrika beschäftigte auch das Gesundheitsamt in der Sophienstraße. „Niemand ist hier erkrankt, aber die Vernetzung mit Notärzten, Feuerwehr und Polizei für den Fall der Fälle hat uns viel Zeit gekostet“, sagt Hamschmidt.

Das Gesundheitsamt unterliegt wie alle Bereiche der städtischen Verwaltung einer Wiederbesetzungssperre – sobald Stellen frei werden, bleiben sie für neun Monate unbesetzt. Hamschmidt: „Wir wünschen uns die sofortige Wiederbesetzung.“ Inzwischen habe sich die Lage entspannt, erklärt der Behördenchef: „Alle Stellen bis auf eine für einen Arzt sind wieder besetzt.“ Für den Arzt läuft eine zweite Ausschreibung. Lübeck steht in Konkurrenz zu anderen Städten, die Fachärzte für das öffentliche Gesundheitswesen oft besser bezahlen können. Auch technische Unzulänglichkeiten wurden abgestellt. Die EDV wurde aufgerüstet. Hamschmidt: „Wir konnten zuletzt nicht einmal die Anhänge von Mails öffnen.“ Die Behörde muss zahlreiche Stellungnahmen für Kliniken, Heime und Kitas verfassen.

Zahlreiche Aufgaben

60 Mitarbeiter auf 44 Vollzeitstellen beschäftigt das Gesundheitsamt. Die Behörde überwacht alle Gesundheitsberufe, belehrt jedes Jahr Hunderte von Beschäftigten in der Gastronomie, untersucht Kinder vor der Einschulung, nimmt Reihenuntersuchungen zur Zahngesundheit vor, berät zu Tuberkulose, Sucht und sexuell übertragbaren Krankheiten, unterhält einen sozialpsychiatrischen Dienst und überwacht die Gesundheit von Flüchtlingen. Seit 1990 leitet Dr. Michael Hamschmidt, Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen, die Behörde.

Kai Dordowsky

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