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Lübeck Grabstätten auf dem Burgtorfriedhof geschändet
Lokales Lübeck Grabstätten auf dem Burgtorfriedhof geschändet
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20:56 30.09.2017
Hannelore Möller (81) steht am Grab ihres Mannes, das keinen Namenszug mehr hat. Quelle: Cosima Künzel
St. Gertrud

Hannelore Möller (81) stützt sich auf ihren Gehstock und schaut zum Grab ihres Mannes hinunter. Eine Träne rollt über ihr Gesicht. „Ich hatte ihm eine Sonnenblume für seinen Grabstein machen lassen“, erzählt sie und zeigt auf einen Fleck, der diesen Schmuck nur noch erahnen lässt. Auch der Name „Werner Schlie“ ist vom Stein verschwunden, nur Geburts- und Sterbedatum sind geblieben. „Ich kann das nicht verstehen. Warum machen Menschen so etwas?“

Der Berühmte

8 Hektar ist der Burgtorfriedhof groß und bekannt für seine teils luxuriös gestalteten Mausoleen, Grüfte und Grabdenkmäler. Mehr als hundert prominente Bürger der Hansestadt fanden dort ihre letzte Ruhestätte. Dazu zählen auch 18 Mitglieder der Familie Mann.

Nach Angaben der Polizei ist Möllers Geschichte kein Einzelfall. „Auf dem Burgtorfriedhof wurden mehrere Sachbeschädigungen und Diebstahlsdelikte begangen“, teilt Sprecher Ulli Fritz Gerlach mit.

Unbekannte Täter haben bereits seit 12. September ihr Unwesen getrieben: Grabstätten wurden beschädigt, Schmuck sowie Buchstaben abmontiert und entwendet. „Auch mutwillig zerstörte Urnen- und Grabsteinplatten wurden festgestellt“, so der Sprecher.

Insgesamt haben die Beamten 20 Straftaten auf dem Gelände registriert. „Das Kommissariat 11 der Lübecker Kriminalpolizei ermittelt wegen des Verdachts der Sachbeschädigung, des Diebstahls und insbesondere der Störung der Totenruhe.“ Nach Paragraf 168 (Strafgesetzbuch, Störung der Totenruhe) drohen eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe. Warum es die Diebe ausgerechnet auf die Metallbuchstaben und den Metallschmuck abgesehen haben, dazu gibt es keine Angaben. Gerlach: „Der Hintergrund der Taten steht noch nicht fest, die Polizei ermittelt.“

Zeugen, die verdächtige Personen an den Grabstätten beobachtet haben, werden gebeten, sich unter Telefon 0451/1310 mit der Kripo in Verbindung zu setzen. Laut Gerlach hat die Polizei ihre Präsenz auf dem Gelände sowohl tagsüber als auch nachts intensiviert.

Stadtsprecherin Nicole Dorel bedauert die Vorfälle und bezeichnet es als „erschreckend“, dass die Täter keinen Respekt vor den Grabstätten zeigen. „Es fehlt anscheinend jeglicher Respekt vor den Toten, dem Friedhof und den Gefühlen der Hinterbliebenen.“ Laut Dorel habe die Friedhofsverwaltung allen Betroffenen dringend geraten, bei der Polizei Strafanzeige zu erstatten. „Sollten genügend Anzeigen vorliegen, hat die Polizei die Möglichkeit, den Fahndungsdruck zu erhöhen.“ Das sei „leider der einzige Rat“, den man den Betroffenen zur Zeit geben könne.

Außerdem wird empfohlen, nach Möglichkeit auf Metallbuchstaben zu verzichten und die Schrift in den Grabstein eingravieren zu lassen.

Um den Grabschmuck zu stehlen, sind die Unbekannten auch auf dem Grab von Möllers Mann herumgetrampelt. „Ich hatte Begonien pflanzen lassen, die sind alle kaputt“, sagt die alte Dame und sucht nach einem Platz für die rote Rose in ihrer Hand. Die metallverzierte Vase ist kaputt. „Die Diebe wollten sie wohl auch stehlen und haben dabei das Glas zerbrochen“, sagt sie leise. Doch der seelische Schmerz ist nicht alles. Möller weiß auch nicht, wie sie die Reparatur des Grabsteines bezahlen soll. Ihr erster Mann war 14 Jahre schwerkrank, sechs Jahre davon ein Pflegefall. Sie hat ihn gepflegt bis zu seinem Tod. Später lernte sie Werner Schlie kennen, doch auch der Lebensgefährte erkrankte und starb nach 28 gemeinsamen Jahren 2005 in ihren Armen. Nun bekommt sie nur Witwenrente, lebt an der Armutsgrenze und ist selbst an Blutkrebs erkrankt.

Als Detlef Hardt von der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ vom Vandalismus auf dem Friedhof hört, ist er empört. „Es ist widerlich, erbärmlich und abstoßend zu erfahren, dass es Menschen gibt, die aus Profitgier nicht einmal vor Gräbern zurückschrecken.“ Um der alten Dame ein wenig beizustehen, hat sich der Leiter der Außenstelle Lübeck entschlossen, ihr eine „kleine finanzielle Unterstützung für die Neuerrichtung der Grabstelle“ zu übergeben.

 Cosima Künzel

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