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Lübeck Grass‘ Werk mit ganz anderen Augen sehen
Lokales Lübeck Grass‘ Werk mit ganz anderen Augen sehen
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22:53 25.10.2013
Günter Grass stellt sich in seinem Atelier in Behlendorf den Fragen der Klasse 12c zu seinem Leben und Werk. Quelle: Lena Schüch

In dem kleinen Atelierhäuschen ist es wuselig. Stühle werden hin- und her gerückt; 27 Schüler sortieren ihre Fragen, die sie auf kleine Spickzettel geschrieben haben. Aufregung macht sich breit. Denn da vorn sitzt der Mann, mit dessen Werk „Im Krebsgang“ sich die 12c der Stormarnschule Ahrensburg schon mehrere Wochen im Unterricht beschäftigt hat. „Herr Grass, wie haben Sie es eigentlich geschafft, so viele Fachvokabeln aus der Internetsprache in Ihre Novelle einzubauen?“, will einer der Schüler als erstes wissen.

Günter Grass stopft erst einmal seine Pfeife. Gespräche mit interessierten jungen Menschen, das mag er gern — und das ist ihm auch nicht fremd, denn schließlich hat er selbst 18 Enkelkinder. So hat der Nobelpreisträger dieses Mal die Schulklasse und ihren Lehrer Uwe Neumann in sein Behlendorfer Haus eingeladen. Das Gespräch wird gefilmt — und später in der Dauerausstellung im Grass-Haus in der Glockengießerstraße zu sehen sein. „Voraussetzung für so etwas ist jedoch, dass die Schüler das Buch gelesen haben“, sagt der Autor. Denn dann kämen gleich die fundierten und spannenden Fragen.

Wie auch jetzt — die zur Internetsprache im „Krebsgang“. Ausführlich erklärt der Nobelpreisträger, wie er für das Werk recherchiert hat. „Ich habe kein Internet, kein Handy“, erzählt Grass. „Bei solchen Fragen hatte ich Nachhilfeunterricht bei meiner Sekretärin.“ Denn auch wenn die Novelle sich auf ein historisches Ereignis bezieht — den Untergang des nationalsozialistischen Kreuzfahrtschiffes „Wilhelm Gustloff“ im Jahr 1945 —, zeigt sie, wie das Schicksal der Flüchtlinge damals bis in die internetgeprägte Gegenwart hineinreicht. Drei verschiedene Generationen werden in Grass‘ Werk mit einer Erzähltechnik der Zeitsprünge verbunden, bei der weder viel zurück-, noch durch die Vergangenheit weit vorausgegangen werden kann. Die Erzählung bewegt sich daher wie ein Krebs:

seitwärts. Aber mit einer klaren Botschaft: Fehlende oder falsche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit kann in der Gegenwart zu Rechtsradikalität führen. Ein Thema, das die Jugendlichen auch aktuell bewegt.

Seit diesem Jahr zählt „Im Krebsgang“ zur Pflichtlektüre in der Oberstufe der schleswig-holsteinischen Gymnasien. Das Grass-Haus ist darauf eingestellt. Führungen und Materialien zum Thema Vertreibung und Versöhnung bietet es für Klassen an, inklusive Einblick ins Archiv. Manuskripte, Zeichnungen, Rechercheunterlagen zu „Im Krebsgang“ machen die Entstehungsgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes greifbar. „Es ist wichtig, dass man die Jugendlichen in ihrer Lebenswirklichkeit abholt“, sagt Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses. „Oft finden sich Punkte, an denen man mit der eigenen Biografie andocken kann.“ Gern steigt er auch ein mit einem Zitat aus „Im Krebsgang“, das die Schüler immer wieder fesselt: „Wir spülen und spülen, die braune Scheiße kommt dennoch hoch.“ Grass hat den Werkplan zu „Im Krebsgang“ nicht zuletzt deshalb in die Zeichnung eines Darms eingefügt. Auch das hängt als Original im Grass-Haus. Die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und der Schuld — ein ständiges Thema in Grass‘ Œuvre.

Auch die 12c kennt die Materialien, hat sich nicht nur im Grass-Haus intensiv mit dem geschichtlichen Hintergrund auseinandergesetzt. Doch das Gespräch mit dem Autor verlief dann doch etwas anders als erwartet. „Ich hatte mit einer größeren Distanz gerechnet“, sagt Louisa (17). „Jetzt hatte es fast etwas Familiäres, was sehr schön war.“ Trotz des Generationenunterschieds konnte man dann noch eines: Mit Grass neben Literatur und Politik auch etwa über Bundesliga-Vereine und Facebook reden. Louisa:„Jetzt sieht man sein Werk mit ganz anderen Augen.“

Das Schlüssel-Ereignis
9000 Flüchtlinge starben bei dem Untergang des NS- Kreuzfahrtschiffes „Wilhelm Gustloff“ im Januar 1945 aufgrund eines Angriffs durch ein sowjetisches U-Boot. Die Folgen des bisher verlustreichsten Schiffsuntergangs der Weltgeschichte beleuchtet Günter Grass als erster Autor ausführlich in seiner 2002 erschienenen Novelle „Im Krebsgang“.

Lena Schüch

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