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Lübeck Große Kiesau: Eine Nacht den Worten
Lokales Lübeck Große Kiesau: Eine Nacht den Worten
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23:40 29.02.2016
Kristine Bilkau aus Hamburg liest bei Rose und Alexander Buttler aus ihrem ersten Roman „Die Glücklichen“. Sie erhielt verschiedene Literaturstipendien und Auszeichnungen. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Ein Bücherregal aus aufeinandergestapelten Ziegelsteinen und zugeschnitten Holzplatten reicht vom Dielenboden bis zur niedrigen, stuckverzierten Decke. Etwa 25 Zuhörer sitzen dicht beieinander auf alten Schul- und Klapp- stühlen, manch einer hält ein Glas Rotwein in der Hand, andere lassen ihre Blicke durch den zur Straße gelegenen Raum des verwinkelten Altstadthauses von Eva Kümmel und Kai Freudenreich schweifen. Doch nur so lange, bis Schauspielerin Helene Grass zu lesen beginnt. Sie sitzt an einem kleinen Schreibtisch, eine massive Leselampe erleuchtet die Buchseiten des Romans „Altes Land“ von Dörte Hansen. Grass liest mit eindringlicher Stimme, einige Zuhörer schließen die Augen.

Ihre Lesung ist nur eine von insgesamt 18, die Literaturbegeisterte am Sonnabendabend bei der zehnten Große Kiesau Literaturnacht besuchen. Verteilt über die gesamte Altstadt öffnen Privatpersonen ihre Häuser für Schauspieler und Autoren, die entweder aus eigenen oder Büchern anderer Autoren vorlesen.

Nur wenige Hundert Meter entfernt von Helene Grass, in der Königstraße bei Rose und Alexander Buttler, liest Autorin Kristine Bilkau in einem großen Jugendstilzimmer aus ihrem Debüt „Die Glücklichen“. Ihr Buch handelt vom leisen sozialen Abstieg eines glücklichen Paares — eine aufwühlende Geschichte, die sie ihren 40 Zuhörern in der gastlichen Atmosphäre des mit Kerzen und Blumen geschmückten Zimmers erzählt.

Die private Atmosphäre der Literaturnacht macht für Besucher Michael Beck den großen Reiz der Veranstaltung aus: „Ich liebe alte Häuser und finde es schön, in dieser Umgebung in Geschichten einzutauchen.“ Zusammen mit seiner Frau Christine Karmen lauscht der Kieler in der Großen Kiesau 26 der Journalistin und Fernsehautorin Jackie Thomae aus Berlin. Begeistert von ihrem Buch „Momente der Klarheit“ zeigt sich auch die Lübecker Floristin Birgit Sprenger: „Ich kannte das Buch bisher nicht, konnte mich aber in vielen Teilen damit identifizieren.“

Ebenfalls angetan zeigen sich die Zuhörer beim Gastgeberpaar Anne und Matthias Wagner in der Fischergrube 74. Als Schauspielerin Nadine Schori vom Renaissance Theater Berlin eine kurze Lesepause einlegt, klatschen die Gäste bewegt. Schori liest das Buch „Eins im Andern“ von Monique Schwitter in der großen Wohnküche des Ehepaars. Dabei nutzt sie nicht nur Gesten und Mimik, sondern auch Musik, die sie bei passenden Textpassagen leise im Hintergrund laufen lässt.

„Das Jubiläum war ein voller Erfolg“, resümiert der künstlerische Leiter Reinhard Göber bei einem gemeinsamen Abendessen in der Schiffergesellschaft mit Künstlern und Gastgebern nach den Lesungen.

„Aus einer privaten Initiative von Literaturbegeisterten ist eine Literaturnacht mit überregionaler Ausstrahlung geworden“, so Göber. 170 Besucher habe man vor zehn Jahren begrüßen dürfen, am Sonnabend waren es 570. Damit ist die Große Kiesau Literaturnacht eine der größten Literaturnächte in Deutschland und die größte in Schleswig-Holstein. Vorgestellt werden ausschließlich Werke lebender Autoren, vorgetragen ausschließlich in den Räumen Lübecker Bürger.

Luisa Jacobsen

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