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Lübeck Großer Andrang beim Denkmaltag
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15:12 09.09.2016
Roland Vorkamp führt rund 150 Besucher über das Gelände der alten Industriehallen an der Einsiedelstraße. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Die Tapete pellt sich von den Wänden, im Holzfußboden sind dielenbreite Löcher, und in der Ecke liegt ein Taubenskelett mit Federn daran. „Hier war über Jahre Lübecks erste Adresse“, sagt Stationsmanager Matthias Willmann (55) von der Bahn und weist mit den Händen durch den leeren, saalgroßen Raum, der zum Ex-Stadtrestaurant gehört. „Jenseits des Guten und Schönen“ lautete in diesem Jahr das Motto des Tages des offenen Denkmals, und das Bahnpostgebäude ist eines der „unbequemen Denkmale“ an diesem Tag.

Rund 30 Besucher sind gekommen, um dem Stationsmanager durch die ehemaligen Gasträume aus den 50er Jahren und die leerstehende Pächterwohnung zu folgen. Vor den Fenstern hängt noch der Schriftzug „Café Bel Etage“, doch Willmann warnt: „Es ist sehr schmutzig, nicht aufgeräumt und auf der Flurtreppe sehr dunkel.“ Einige Millionen Euro wären nach seinen Angaben nötig, um es „wieder geschäftsmäßig“ zu machen.

Noch ein Blick auf das einstige Postportal und die historische Briefträgerfigur, dann geht es die dunkle, weite Treppe hinauf. Schutt liegt herum, es riecht staubig, die Möbel sind fort. Das Stadtrestaurant schloss im Dezember 2000, nachdem der Pächter Konkurs angemeldet hatte. Laut Willmann war das Restaurant „mit seinem plüschigen Ambiente“ jahrzehntelang eine renommierte Adresse.

Besucher Joachim Kähler (74) kann sich gut daran erinnern. „Wir haben einen Kollegiumsausflug hierher gemacht, es war sehr vornehm“, erklärt der pensionierte Lehrer. „Ich bin ganz entsetzt, wenn ich das hier jetzt sehe.“

Für Klaus Speer werden Erinnerungen an früher rund um die Industriehallen in der Einsiedelstraße wach. „Ich habe hier 25 Jahre lang gearbeitet“, sagt der 82-Jährige und schaut zu den zerbrochenen Fensterscheiben der alten Gebäude hinüber. Wenn er die Augen schließt, sieht es noch aus wie früher, sagt er. „Wie konnte das in so kurzer Zeit alles so kaputtgehen?“

Mit seiner Kamera, einer Voigtländer Vitessa von 1956, hält er manche Details während der über einstündigen Führung fest und hat gehofft, die Gebäude betreten zu können. Doch Roland Vorkamp von der Bürgerinitiative „Rettet Lübeck“ kann das nicht möglich machen. „Die Gebäude sind einsturzgefährdet“, sagt er und führt die Besucher mit viel Humor, Fachwissen und Engagement über das Gelände.

Vorkamps Vortrag blickt zurück auf die Zeit des Struckmühlenteichs, nimmt die aktuellen Ereignisse um Kailine auf und blickt auch in die Zukunft.

Für seine Kurzvorträge klettert er auf Steinhaufen, Container oder Mauerreste, denn viele möchten ihn hören. Dass fast 150 Bürger gekommen sind, überrascht und freut den Fachmann. Er hofft, dass das „ungeliebte Areal“ der Roddenkoppel „wieder in Wert gesetzt“ und eine „neue Nutzung ermöglichen“ wird. Die ehemaligen Hallen der LMG sind in verschiedenen Baustilen von 1907 bis in die 1960er Jahre errichtet worden, und ein großer Teil der Fläche gehört jetzt der Unternehmensgruppe Gollan.

Projektleiter Mirko Schönfeldt begleitet die Führung, schließt Tore auf und lässt die Besucher auf sonst abgesperrte Flächen. Viele fotografieren Details und halten ihre Kameras auch durch die zerbrochenen Fensterscheiben. Vorbei geht es an der Schiffbauhalle im Tudor-Stil, über das Eutiner Gleis bis zum turmförmigen Bunker von 1940, wo es abschließend viel Applaus für die Führung gibt, und Klaus Speer leise sagt: „Wenn die Behörden so lange brauchen, hier wieder etwas zu entwickeln, ist alles eingestürzt.“ Und dann warten schon die nächsten 150 Besucher.

Wenige Kilometer weiter lenkt Irmgard Hunecke vom Bereich Denkmalpflege den Blick der Besucher auf ein anderes Areal: den Rathaushof. „Ich sehe diesen Tag als Chance, der Bevölkerung zu verdeutlichen, dass dieses Gebäude einen Wert hat“, sagt sie mit Blick auf die Fassade vom Markt aus. Fast 30 Zuhörer sind gekommen, um die Entstehungsgeschichte zu hören, die Hunecke mit Fotos und Abbildungen illustriert. Die Expertin lenkt den Blick auf typische Elemente der 50er-Jahre-Architektur, den „versteckten Charme“, ovalen Säulen, gebogenen Glasscheiben, original Mosaikfliesen und mehr. „Das ist die Architektur meiner Jugend“, sagt Besucher Hartwig Beyersdorf, „das berührt mich schon.“ Damals habe man das nicht so kritisch gesehen wie heute, sagt er. „Es ging aufwärts.“ Ob man den Rathaushof schön finde oder nicht, „als Zeichen der Zeit sollte er so erhalten bleiben“, sagt der 72-Jährige, bevor er zum nächsten „unbequemen Denkmal“ geht.

Besucher und Ausblick
11 100 Besucher kamen zum Tag des offenen Denkmals in Lübeck. Organisatoren in der Hansestadt sind das Ortskuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der Bereich Archäologie und Denkmalpflege. 1993 wurde in Deutschland der erste Tag des offenen Denkmals veranstaltet. 2014 soll er unter dem Motto „Farbe“ stattfinden.

Cosima Künzel

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