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Lübeck Großfeuer in der Altstadt zerstört 800 Jahre altes Haus
Lokales Lübeck Großfeuer in der Altstadt zerstört 800 Jahre altes Haus
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13:35 06.06.2017
Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Lübeck

 Das historische Gebäudes aus dem 13. Jahrhundert steht in der Nähe des Burgklosters - an der Straße Hinter der Burg Ecke Kleine Burgstraße.

Quelle: Holger Kröger
Klicken Sie hier, um Impressionen unseres Fotografen Holger Kröger vom Feuer zu sehen.

Seit 20 Jahren ist es leer, seit zehn Jahren steht ein Gerüst davor. Nach Polizeiangaben beträgt der Schaden 200 000 Euro, die Brandursache ist unklar.

Am Tag danach wird das Ausmaß des Feuers so richtig sichtbar:

Quelle: Holger Kröger

Weithin sichtbare Flammen

Das Haus gilt als Schandfleck in dem Viertel am Burgtor, die Nachbarn sind seit Jahren in Sorge um das verwahrloste Gebäude. Sonnabend, 22.45 Uhr: Zehn Meter hoch schlagen die Flammen aus dem Dachstuhl der einstigen Gaststätte. Jemand schreit "Feuer, Feuer". Funkenregen geht überall in den Nebenstraßen nieder. Nachbarn verlassen die Häuser. Der Schein der  Flammen ist weithin sichtbar - vom Koberg, von der Breiten Straße aus und auch von jenseits der Altstadtinsel.

Foto: Holger Kröger

Die Feuerwehr ist mit hundert Mann vor Ort. Mit einer Drehleiter versucht sie den Brand unter Kontrolle zu bekommen, damit die Flammen nicht auf die benachbarten Häuser übergreifen. Das dauert etwa eine Dreiviertelstunde. Unterdessen sperrt die Polizei die Große Burgstraße. Viele Nachtschwärmer sehen das Feuer und beobachten den Einsatz von der Straße Große Altefähre aus.

Nachbarn müssen ihre Häuser verlassen

Dort sind auch alle Nachbarn auf der Straße. Sie haben ihre Häuser verlassen. Manche haben das wichtigste mit aus ihren Wohnungen genommen und in ihre Autos verfrachtet. 

Hier sehen Sie Bilder von den Aufräumarbeiten nach dem Feuer.

Dazu hatte Ursel Krohn keine Zeit. Die 77-Jährige wohnt Zeit ihres Lebens in dem Gebäude direkt neben dem brennenden Haus. Sie, ihr Mann und die Familie ihrer Schwiegertochter mit vier Kindern sind sofort raus aus dem Haus - als sie die Schreie von draußen hörten. "Ich hab den Brand gerochen", sagt ihr Enkel. Er ist eingewickelt in eine rote Decke. Eine Nachbarin hat ihm die gebracht. Ursel Krohn selbst hat einen Mantel über ihr Nachthemd gestreift, die Beine sind ebenfalls in eine Decke gewickelt. Sie und ihr Mann Horst (80) nehmen die Katastrophe gelassen. "Was soll man machen?" Wo sie heute Nacht schlafen wird, weiß sie noch nicht.

Foto: Holger Kröger

Nachbar Henri Abler verteilt Bierflaschen und Limo. "Hab ich vom ,Tonfink' bekommen - zu einem Sonderpreis", sagt der SPD-Politiker, der früher in der Bürgerschaft saß. Er wohnt in der Straße Hinter der Burg, kann aus seinem Fenster direkt auf das brennende Haus blicken. "Wir Nachbarn warten seit fünf, sechs Jahren drauf, dass das passiert", berichtet er. Denn das Haus ist verlassen. Nachts klettern junge Pärchen oder Teenager auf dem Gerüst herum. "Wir passten ständig auf das Haus auf, das da nichts passiert", sagt Abler.

Niedergebranntes Haus steht seit 20 Jahren leer

Diese Nacht aber war er nicht vor Ort, sondern in einer Kneipe in einer anderen Altstadtgasse. Als er die Große Gröpelgrube hoch ging, hat er die Flammen schon gesehen. Und als Abler ein Stück weiter lief, dachte er: "Oh, brennt da unsere Hütte?" Beim Einbiegen in die Straße Hinter der Burg sah er: es ist das verlassene Haus, das brennt. Es gehört zu den ältesten Lübecks. Es soll ein Konventhaus des Burgklosters gewesen sein. Die Dachstühle der Häuser 1 bis 15 gelten als Beispiel für eine Reihenhaus-Bebauung im Mittelalter, erzählt er. "Das steht in jedem Reiseführer."

Die Dachstühle gehören alle zusammen, sind in einem Stück gebaut. "Nur ein halber Stein trennt die Häuser voneinander", berichtet er. Daher seinen die Nachbarn immer in Sorge gewesen, wegen des verlassenen Hauses. Bis in die 80er Jahre hinein war es eine deutsche Gaststätte. Später ein türkisches Café. Seit 20 Jahren steht es leer. Der jetzige Eigentümer habe es vor zehn Jahren aus der Zwangsversteigerung gekauft, berichtet Abler. Seither ist das Haus eingerüstet. Ursula Krohn berichtet: "Aber es passiert seitdem nichts."

Foto: Michael Adelhardt

Foto: Michael Adelhardt

Auf schwarzen Socken geht Ralf Arndt über das Kopfsteinpflaster auf die Gruppe zu, die an der Großen Altefähre beisammen steht. Er hat nasse Füße. "Ich habe die Häuser 10, 8 und 6 gelöscht", sagt er. Und meint die Häuser seiner Nachbarn, er wohnt in der Kleinen Burgstraße 12. Arndt hat den Funkenregen mit einem Gartenschlauch von den Häusern weggehalten, als das Feuer meterhoch aus dem Haus schlug. Er hat sich dafür extra einen Anschluss ins Bad installiert, so dass er von dort den Gartenschlauch mit auf das Dach nehmen kann. Unterdessen haben die Feuerwehrleute den Hauptteil ihrer Arbeit getan. Das Feuer ist gebannt und gelöscht. Es qualmt nur noch. Eine Brandwache bleibt vor Ort. Die Nachbarhäuser sind nicht beschädigt worden, sagt der Einsatzleiter der Polizei. "Nach jetzigem Stand." Die Menschen können wieder zurück in ihre Häuser. Aber das abgebrannte Gebäude aus dem 13. Jahrhundert ist einsturzgefährdet.

Von Josephine von Zastrow

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