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Lübeck Gute Nacht, Roncalli — gute Nacht, Lübeck!
Lokales Lübeck Gute Nacht, Roncalli — gute Nacht, Lübeck!
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18:19 15.08.2015
Zaungespräche unter Kollegen: Roncalli-Nachtwächter Driss Hrida plaudert mit dem Lübecker Nachtwächter Dietmar Fischer. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn
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Innenstadt

Musik dringt aus dem Zirkuszelt. Die Abendvorstellung läuft noch. Man hört Zuschauer lachen und applaudieren. Das ist der Moment, in dem Roncalli-Nachtwächter Driss Hrida seinen kleinen blau-weißen Wohnwagen mit der Nummer 59 verlässt. Es dämmert schon, als der 60-jährige Marokkaner die Treppen seines Wägelchens hinuntersteigt. Die Abendsonne zaubert bunte Wolken an den Himmel. Die mit Lampions und Lichterketten beleuchteten Zelte und Wagen des Circus Roncalli sind in malerisches, goldenes Licht getaucht. Nachtwächter Hrida lächelt — ein perfekter Start in die Nachtschicht. Schick sieht er in seiner rot-goldenen Uniform aus. Seit 26 Jahren trägt er diese Farben mit Stolz. So lange ist er nämlich schon Nachtwächter beim Circus Roncalli. „Ich beginne mit der Arbeit, wenn alle anderen ins Bett gehen“, sagt Hrida.

Solange die Abendvorstellung noch läuft, sitzt er oft im Café des Zirkus und trinkt marokkanischen Minztee. „Der ist stärker als Kaffee — damit bleibe ich die ganze Nacht wach“, erzählt er lachend.

Heute ist allerdings ein anderes Programm geplant: Ein Gast hat sich angemeldet. Dietmar Fischer ist auch ein Nachtwächter. Als lübscher Polizist mit Pickelhaube und Gehrock führt er Touristen in den Abendstunden durch die Hansestadt. Seine Route führt auch am Circus Roncalli vorbei. Für ein Pläuschchen am Zaun hat er aber Zeit. „Ich bin ein Polizist aus der wilhelminischen Zeit — ab 1889“, erklärt Fischer, als er seinen Kollegen Hrida begrüßt. Zaungespräche von Nachtwächter zu Nachtwächter sozusagen. Zusammen machen sie eine Runde über den Roncalli-Platz. „Die Ruhe, die ich habe, genieße ich am meisten“, schwärmt Hrida von seiner Arbeit. Er liebt seinen Job. „Es ist immer lustig hier — wir lachen viel.“

Auch die Stadtführungen von Fischer sind nicht allzu ernst. „Vom Dom ins Fegefeuer, das finden die Touristen gut.“ Da muss auch Hrida lachen. Als gläubiger Moslem findet er die Straßennamen in Lübeck ein bisschen sonderbar.

„Im Winter fliege ich immer zurück nach Marokko“, erzählt er seinem Kollegen Fischer und wirkt plötzlich ein bisschen wehmütig. „Meine Frau lebt dort.“ Wenn Hrida seine Heimat zu sehr vermisst, schaut er sich marokkanische Fernsehsendungen an. Dafür hat er extra eine große Satellitenschüssel auf seinen Wagen gestellt. „Wir scherzen immer, dass Driss‘ Satellitenschüssel genauso groß ist wie sein kleiner Wagen“, lacht Angela Weller, Sprecherin vom Circus Roncalli. Für die Roncalli-Familie ist Hrida immens wichtig. Bei seinen Runden über das Roncalli-Gelände sieht er nach dem Rechten.

„Vor allem bei schlechtem Wetter ist es wichtig, dass jemand das Zelt kontrolliert“, sagt Weller. Wenn es überraschend stürmt, muss alles gesichert werden.

Nach einem Sturm sieht es in dieser Nacht nicht aus. Alles ist ruhig. Hrida schließt die Tore und trifft noch einige Nachtschwärmer der Artistentruppe. „Egal, wo man nachts auf dem Platz ist, man trifft immer Driss“, erzählt Weller. Das macht einen guten Nachtwächter eben aus. Auch Dietmar Fischer ist von seinem marokkanischen Kollegen begeistert. Vor allem Hridas rote Uniform hat es ihm angetan. Lachend tauschen die beiden Nachtwächter Pickelhaube gegen Mütze, als sie ihre gemeinsame Runde im Circus-Café beenden.

Nach der Vorstellung, wenn die Artisten in ihren weißen Bademänteln zum Duschwagen marschieren, verabschieden sich auch die letzten Artisten von Hrida. „Gute Nacht, Driss“, scherzen die Roncalli-Clowns und drücken ihrem Nachtwächter einen dicken Kuss auf die Wange. „Gute Nacht“, sagt der Circus Roncalli auch bald zu Lübeck. Am morgigen Sonntag findet die letzte Vorstellung in der Hansestadt statt.

Der Circus Roncalli und Lübecks Nachtwächter

30 000 Gäste konnte der Circus Roncalli dieses Jahr in Lübeck begrüßen. Auf ein Wiedersehen in drei Jahren freuen sich die Artisten jetzt schon.
Vor allem den Blick auf das Holstentor und die Trave wird die Roncalli-Familie vermissen. In der Hansestadt, wo sie immer freundlich aufgenommen werden, würden sie alle gerne länger bleiben.

Ausverkaufte Vorstellungen und meterlange Schlangen vor den Eingangstoren gab es wie 2012 auch 2015 wieder. Für die Nachmittags- und Abendvorstellungen bis einschließlich Sonntag gibt es noch Karten zu ergattern.

Auf den zweistündigen Stadtführungen bei Mondschein lernen Touristen und Lübecker die Stadt mal ganz anders kennen. Mit einem Nachtwächter an ihrer Seite sind jedenfalls alle sicher.


Als Polizisten aus der Jahrhundertwende oder mittelalterliche Nachtwächter verkleidet erzählen die Profis schummrige Geschichten aus den engen Gassen und Hinterhöfen Lübecks.


Auch ein nächtlicher Umtrunk in einem der historischen Restaurants gehört zu den Altstadtrundgängen der besonderen Art. Alle Informationen zu den Nachtwächtern gibt es auf www.luebeck-erleben.de.

Tomma Petersen

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