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Lübeck Gutes Geschäft: Lübeck wandelt Kleingärten in Wohnbauland um
Lokales Lübeck Gutes Geschäft: Lübeck wandelt Kleingärten in Wohnbauland um
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11:11 13.04.2016
64 von 156 Parzellen im ersten Teil der Kleingartenanlage Lauerhof stehen seit längerem leer. Der Verfall ist nicht zu übersehen. Bis zum 31. Oktober müssen die Parzellen geräumt sein, damit die Stadt sie übernehmen und Wohnungen auf dem Gelände bauen kann. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Die Stadt ist bereit, fast 80000 Quadratmeter Kleingartenfläche an der Schlutuper Straße vom Kleingartenverein Lauerhof zurückzunehmen, die Laubenpieper zu entschädigen und dem Verein ein neues Heim zu bauen. 680000 Euro nimmt die Verwaltung dafür in die Hand. Die 80 Hektar werden in Wohnbauland umgewandelt. Wirtschaftssenator Sven Schindler (SPD) rechnet mit 350 Wohneinheiten auf dem Gelände auf Marli — und hohen Einnahmen für die Stadt. Schindler: „Unter dem Strich bleiben Millionen für Lübeck übrig.“ Der Wirtschaftsausschuss hat das Geschäft einstimmig abgesegnet, das letzte Wort hat die Bürgerschaft.

Leerstand: Auf Marli entstehen jetzt Wohnungen statt Schrebergärten — Stadt plant Quartier mit 350 Einheiten.

In Zahlen

26 Kleingartenvereine mit 9400 Parzellen gibt es in Lübeck.

45,7 Prozent Leerstand verzeichnete der Verein Lauerhof 2014.

21,4 Cent pro Quadratmeter beträgt ab November dieses Jahres die Pacht (bisher 18 Cent).

Nicht zum ersten Mal werden Kleingartenanlagen aufgegeben. „Lachswehr III“ wich dem Dräger-Neubau, „Mönkhof“ dem Hochschulstadtteil.

Der Wirtschaftssenator schätzt, dass der Quadratmeter Bauland auf Marli 120 Euro bringt. 40 bis 50 Euro pro Quadratmeter müssten für die Erschließung des Geländes aufgewendet werden. Schindler geht bei seiner Rechnung davon aus, dass gut 50 der 80 Hektar tatsächlich bebaut würden. Macht einen Erlös von rund 3,5 Millionen Euro für die Stadt. Um an das Gelände heranzukommen, will die Stadt 460 000 Euro Entschädigung an die Schrebergärtner zahlen, 90000 Euro werden für Räumungskosten fällig. Für 130000 Euro erhält der Kleingartenverein Lauerhof ein neues Vereinsheim, weil das bisherige auf dem künftigen Bauland steht. Für die nicht belegten Parzellen auf dem künftigen Baufeld muss der Verein keine Pacht mehr an die Stadt zahlen. Spätestens zum 31. Oktober dieses Jahres müssen die Parzellen zurückgegeben werden. Bei der Übergabe müssen die Gärten geräumt, die Lauben frei von jeglichem Inventar und die Parzellen frei vonAbfällen sein.

Die Stadtplaner liebäugeln schon länger mit Kleingartenanlagen, die sich in attraktives Wohnbauland umwandeln lassen. Das trifft nicht immer auf die Gegenliebe der Laubenpieper. Bei den Anlagen Mühlentor, Buntekuh und Neuhof wehren sich die Kleingärtner gegen die Umwandlung in Wohnungen. Im Fall Lauerhof aber lief es andersherum. Der Kleingartenverein, gebeutelt von einem überdurchschnittlich hohen Leerstand und finanziellen Sorgen, ging auf die Verwaltung zu und bot einen Teil seiner Flächen an. Am 8. Oktober vergangenen Jahres beschloss eine außerordentliche Mitgliederversammlung die Rückgabe des Gartenfeldes I an die Stadt. „156 Parzellen sollen zurückgegeben werden“, bestätigt Hans-Dieter Schiller, Vorsitzender des Kreisverbandes der Kleingärtner und Generalpächter aller 26 Anlagen in Lübeck. 64 stehen bereits leer, 92 Pächter müssen entschädigt werden. Schiller bestätigt auch, dass der Lauerhof-Verein überdurchschnittlich hohe Leerstände hatte. „Zeitweise standen von 516 Parzellen 220 leer.“ Der stadtweite Leerstand beträgt dagegen acht Prozent.

Ortstermin gestern Mittag. Ein erheblicher Teil der Anlage macht einen trostlosen Eindruck. Lauben verfallen, das Gras wuchert, Zäune stehen schief, Sperrmüll türmt sich auf. Doch es gibt auch Ausnahmen. Das Ehepaar Haß hat seinen Kleingarten schon seit 28 Jahren, er gehört zu den wenigen gepflegten: „Wenn wir untergehen, wollen wir wir wenigstens einen guten Eindruck hinterlassen“, erklärt Ursula Haß. Die 74-Jährige bedauert das Ende der Gartenkolonie: „Hier sind meine Kinder und vor allem meine Enkel groß geworden.“ Dennoch hat sich das Ehepaar entschlossen, nicht weiterzumachen. Zu groß sei der Aufwand, wieder von vorne anzufangen. In die Trauer mischt sich auch Empörung: „Erst im vergangenen Herbst mussten wir eine Umlage von 120 Euro bezahlen“, sagt Haß.

„Uns wurde versichert, dass die Kolonie dadurch gerettet werden kann. Jetzt müssen wir aber bis zum 31. Oktober den Platz geräumt haben.“

Herbert Sasse, seit 38 Jahren Obmann des Vereins, hat die Möglichkeit genutzt und ist auf den anderen Teil des Kleingartens umgezogen. Die Entscheidung, einen Teil der Fläche aufzugeben, ist seiner Meinung nach richtig. Der 75-Jährige: „Einen neuen Pachtvertrag hätten wir nicht bezahlen können. Jetzt bekommen wir immerhin eine Abfindung.“ Auch Gabi Küchler, seit 25 Jahren Pächterin eines Kleingartens in Lauerhof, hat das Angebot genutzt und ist auf die verbliebene Fläche gezogen. Die 45-Jährige: „Erst vor einem Jahr haben wir das Haus verklinkert und neu verputzt, richtig Geld hineingesteckt — und jetzt mussten wir das Grundstück räumen.“

Von Kai Dordowsky und Daniel Donath

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