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Lübeck Hafenstraßen-Opfer in Abschiebehaft
Lokales Lübeck Hafenstraßen-Opfer in Abschiebehaft
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16:20 14.01.2016
Victor Atoe – hier eine Aufnahme von 2006 – bemüht sich seit 20 Jahren vergeblich um ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Die Humanistische Union Lübeck appelliert an die Lübecker, das Stadtparlament und den Bürgermeister, gegen die drohende Abschiebung des Nigerianers Victor Atoe vorzugehen. „Victor Atoe sitzt in Berlin-Köpenick in Abschiebehaft und kämpft verzweifelt gegen seine Auslieferung“, erklärt Helga Lenz von der Humanistischen Union. Die Hansestadt habe eine besondere Verpflichtung gegenüber dem 50-Jährigen. Atoe war eines der Opfer des Brandanschlags auf das Asylbewerberheim in der Hafenstraße.

Das Schicksal des Flüchtlings wird morgen Thema in der Bürgerschaft. Die Grünen bringen einen Antrag ein, in dem der Bürgermeister gebeten wird, sich beim zuständigen Kieler Justizminister Emil Schmalfuß (parteilos) für ein dauerhaftes Bleiberecht für Atoe einzusetzen. Außerdem solle der Nigerianer umgehend aus der Abschiebehaft entlassen werden. Diese Forderung unterstützt neben der Humanistischen Union auch das Flüchtlingsforum Lübeck. „Atoe ist traumatisiert, das muss endlich anerkannt werden“, sagt Heike Behrens vom Flüchtlingsforum. Die Grünen wollen SPD und Linke mit ins Boot holen. „Ich denke, wir werden das unterstützen“, erklärt Antje Jansen, Fraktionsvorsitzende der Linken. Das linke Bündnis wollte gestern Abend darüber beraten.

Atoe kam vor 20 Jahren nach Deutschland. Für die zuständige Ausländerbehörde in Eutin sei er ein Altbekannter, sagt eine Sprecherin: „Er versucht seit Ewigkeiten, einen dauerhaften Aufenthalt zugesprochen zu bekommen.“ Nach Aussage der Ausländerbehörde sei er aber „kein Verfolgter im Sinne des Asylgesetzes“. Beim Hafenstraßen-Brand rettete er sich mit einem Sprung aus dem Fenster, erlitt schwere Beinverletzungen. Der damalige Lübecker Bürgermeister Michael Bouteiller erwirkte für sämtliche überlebenden Bewohner der Sammelunterkunft ein dauerhaftes Bleiberecht. Atoe wurde davon ausgenommen, weil er nur zu Besuch und nicht in Lübeck, sondern in Ostholstein gemeldet war. „Man kann nicht einen Einzelnen ausnehmen“, kritisiert Heike Behrens vom Flüchtlingsforum, „das muss dieser Mensch doch als Unrecht empfinden.“ Noch im gleichen Jahr wurde der Nigerianer ausgeflogen. Drei Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück. Erneut wurden Asylanträge abgelehnt. 2005 habe die Härtefallkommission des Landes seinen Verbleib abgelehnt, berichtet das Flüchtlingsforum, das ein Jahr später den Kontakt zu Atoe verlor. 2007 wollte die Ausländerbehörde Eutin den Nigerianer wieder abschieben. „Er ist damals untergetaucht“, erklärt eine Sprecherin des Kreises, „und wurde dann zur Fahndung ausgeschrieben.“

Am 14. Juli wurde Atoe in Berlin festgenommen, seit zwei Monaten sitzt er in Abschiebehaft. Zehn Tage lang befand er sich im Hungerstreik, brach diesen aber wegen eine Schwächeanfalls ab. „Es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass Victor Atoe traumatisiert ist“, sagt seine Berliner Anwältin Katja Ponert, „es geht ihm ziemlich schlecht.“ Bislang gebe es noch keinen Termin für die Abschiebung, so die Anwältin. „Es muss in unserer Gesellschaft humanitäre Spielräume geben“, fordert Helga Lenz von der Humanistischen Union. Bernhard Fricke, Seelsorger der evangelischen Kirche in Köpenick, steht in Kontakt mit dem Abschiebehäftling. Er habe eine Petition an den Bundestag gerichtet, sagt Fricke. Das Parlament habe die Petition an Schleswig-Holstein und Berlin weitergereicht.

Viele Hoffnungen ruhen jetzt auf dem Kieler Justizminister. Schmalfuß sorgte im August für eine überraschende Wende im Fall des 14-jährigen Armeniers Tigran. Weil Tigran und seine Angehörigen seit elf Jahren in Stockelsdorf leben und gut integriert sind, stoppte der Minister 17 Stunden vor dem Vollzug die Abschiebung.

Kai Dordowsky

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