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Lübeck Heidrun, das Glückskind
Lokales Lübeck Heidrun, das Glückskind
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07:19 29.07.2016
Erst ein paar Stunden war das Mädchen alt: Mit diesem braunen Handtuch umwickelt fand Friederike Garbe das Neugeborene in der Babyklappe in der Mengstraße. Quelle: Elisabeth Riedel
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Innenstadt

Sie habe schon lange im Bett gelegen, als in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag um halb eins plötzlich der Alarm losging, erzählt Friederike Garbe (71).

„Mütter wollen das Beste für ihre Babys. Darum geben sie sie an einen sicheren Ort.“Friederike Garbe, Leiterin Agape-Haus

„Ich hatte gleich den Eindruck, jetzt ist es echt“, erinnert sich die Leiterin des Agape-Hauses in der Mengstraße. Sie springt aus dem Bett und öffnet keine zwei Minuten später die Tür zu dem kleinen Raum im Untergeschoss. „Da habe ich die Kleine bereits gehört und sie gleich in meine Arme geschlossen.“ Lediglich in ein braunes Frottee-Handtuch gewickelt nahm sie das Neugeborene in ihre Obhut.

Garbe nennt es Heidrun, „weil es der achte Buchstabe im Alphabet und die Kleine mittlerweile das achte Mädchen ist, das in der Babyklappe lag.“

Bereits in der vergangenen Woche meldete der Alarm, dass die Schleuse geöffnet wurde. „Aber lediglich der Brief an die Mutter, der immer in dem beheizten Bettchen liegt, wurde herausgenommen.Wir dachten uns schon, dass vielleicht jemand die Babyklappe erst testen wollte.“ Mit wir meint Garbe sich selbst und ihren Mann Günter (77). Beide leben seit über 30 Jahren im Agape-Haus und nehmen dort Menschen in Not auf. Über 20 Familien aus Eritrea, Syrien oder Afghanistan wohnen momentan gemeinsam mit den Garbes unter einem Dach. „In diesem Haus ist jeder willkommen“, so Garbe, „darum haben wir auch viele Flüchtlingsfamilien hier aufgenommen.“

Die kleine Heidrun verbrachte nur kurze Zeit in dem Haus. Noch in derselben Nacht brachte Garbe das Findelkind in das Marien-Krankenhaus. Acht Wochen haben die leiblichen Eltern nun Zeit, sich doch noch zu melden, danach wird das Adoptionsverfahren vom Jugendamt eingeleitet.

Glückskinder nennen die Garbes die Kleinen, die in der Babyklappe abgegeben werden. „Für mich ist es jedes Mal ein bewegender Moment, wenn ich sie zum ersten Mal in den Arm nehme, weil ich weiß, dass liebevolle Adoptiveltern sehnsüchtig auf ein Baby warten. Für diese Menschen sind die Findelkinder das größte Glück.“ Doch auch an die leibliche Mutter von Heidrun denkt Garbe häufig. „Diese Frauen, die ihre Kinder hier abgeben, sind keine Rabenmütter, sie sind in größter Not und sicher sehr verzweifelt. Sie wollen nur das Beste für ihre Babys, deshalb geben sie die Kleinen an einen sicheren Ort wie diesen“, weiß sie. Für Menschen, die an der Wichtigkeit von Babyklappen zweifeln, hat sie kein Verständnis. „Wir wissen nicht, was sonst mit diesen Kindern passieren würde. Jedes Mal, wenn ein Baby hier abgegeben wird, habe ich einen geretteten Menschen in den Armen, denn die Kinder werden mit Freude empfangen.“ Es sei ihr wichtig, sich für Mütter stark zu machen, die ihre Kinder in die Babyklappe legen. Häufig fehle es in der Politik an Verständnis und Empathie, glaubt Garbe. „Einige wollen die Babyklappen abschaffen, aber sie hatten auch noch nie ein Findelkind im Arm und haben auch noch nie mit einer Mutter gesprochen, die sich für diesen Weg entschieden hat.“

Seit 15 Jahren ist die zweitälteste Babyklappe Deutschlands im Agape-Haus in der Mengstraße in Betrieb, seither wurden 18 Kinder dort abgelegt. Garbe: „Ich wünsche jedem dieser Glücksbabys liebevolle neue Eltern und eine glückliche Zukunft in einer Familie.“

Für ihr Engagement, Menschen in Not zu helfen, wurden Garbe und das Team des Agape-Hauses im vergangenen Jahr mit dem Förderpreis der Plansecur-Stiftung ausgezeichnet. In ihrer Hilfe spiele weder Nationalität noch Religion eine Rolle. „In unserem Gemeinschaftshaus leben wir momentan als bunt gemischte Gesellschaft aus Einheimischen und Flüchtlingen“, betont sie. Dies fördere ein besseres Verständnis der Kulturen. Für ihren „Familientisch“ sucht das Team noch Paten, die sich monatlich mit 40 Euro beteiligen wollen.

Veranstaltungen im Haus

Ein Tag der offenen Tür findet am Sonnabend, 27. August, ab 14 Uhr im Agape-Haus in der Mengstraße 62 statt.

Ab September startet ein Projekt auf der Online-Spendenplattform lübeck.für-unsere-region.de, um Geld für neue Küchengeräte und -utensilien zu sammeln und den gemeinsamen Familientisch zu etablieren.

Weitere Informationen zu den Projekten des Agape-Hauses mit dem Verein „Leben bewahren Lübeck“ als Träger gibt es im Internet unter www.agape-haus-luebeck.de

 Elisabeth Riedel

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