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Lübeck Herreninsel: Bewohner dürfen bleiben
Lokales Lübeck Herreninsel: Bewohner dürfen bleiben
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21:53 15.01.2018
„Wir sind erleichtert“, sagt Hartmut Haase (68), Vorsitzender der Siedlergemeinschaft und Mitglied der Interessengemeinschaft. Er wohnt seit 1972 auf der Herreninsel und leitet seit 1983 die Siedlergemeinschaft. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
St. Gertrud

„Wohnen am Seehafen? Der Interessenkonflikt um die Herreninsel“ lautet der Titel einer Bachelor- Arbeit, die 2016 an der HafenCity Universität Hamburg abgegeben wurde. Tenor: Bis heute gebe es keine zufriedenstellende Lösung in dem Konflikt. Doch für die aktuellen Bewohner hat sich die Lage entspannt. Nach sieben Jahren ohne Mietvertrag hat die Stadt im Herbst angefangen, neue Verträge zu schließen. „Wir sind sehr erleichtert“, sagt Hartmut Haase, Vorsitzender der Siedlergemeinschaft und Mitglied der Interessengemeinschaft Herreninsel.

Die Bewohner der Herreninsel können bis an ihr Lebensende auf der Halbinsel in der Trave wohnen bleiben. Die Stadt hat ihnen neue Mietverträge angeboten. Damit endet ein jahrelanges Gezerre. Der Konflikt zwischen Wohnen und Hafen hat sogar die Wissenschaft beschäftigt.

Die neuen Verträge sehen vor, dass die Mieter auf Lebenszeit bleiben dürfen, ebenso ihre Partner und Kinder. Es gebe jetzt einheitliche Verträge für alle Bewohner, sagt Haase: „Wir mussten allerdings schlucken, dass unsere Grundstücke an die Kanalisation angeschlossen werden und jeder seinen Anschluss an die Sielleitung bezahlen muss.“ Bei Haase sind das rund 29000 Euro. Zugleich hat die Stadt Finanzierungen angeboten und die Zinsen für die Raten auf Druck der Bürgerschaft auf ein Prozent gesenkt. Die meisten hätten die neuen Verträge angenommen, sagt Haase. Sozial- und Wirtschaftssenator Sven Schindler (SPD) hat genaue Zahlen. „Alle haben einen neuen Vertrag bekommen“, sagt der Senator. „33 Verträge sind unterschrieben zurück, einer wird noch unterzeichnen, vier haben einen Anwalt beauftragt und einer reagiert auch nach Erinnerung nicht.“

Es sei nicht darum gegangen, die Menschen zu Gunsten des Hafens zu verdrängen, stellt Schindler klar: „Alte Entscheidungen, Mietverträge nicht zu verlängern, sind das Ergebnis einer sorgfältigen Abwägung zwischen Hafennutzung und Wohnnutzung gewesen.“ Die Stadt wollte sicherstellen, dass ihr expandierender Hafen keine Probleme mit Lärm bekommt. Immer wieder brachte die Verwaltung Argumente vor, warum die Menschen hier nicht länger leben sollten. Mal waren es fehlende Einkaufsmöglichkeiten und Bildungseinrichtungen, dann die Verkehrsanbindung oder die Geruchsbelästigung durch das damalige Klärwerk. „Mit der Unterstützung von Politikern haben wir alles abgebogen“, sagt Hartmut Haase, „wir hatten Kontakt zu allen Fraktionen.“ Es gab zahllose Bürgerschaftsentscheidungen zur Herreninsel. Vor allem die örtlichen Abgeordneten – Jörn Puhle (SPD) und Hauke Wegner (CDU) oder Rüdiger Hinrichs (heute Freie Wähler) – hätten sich für die Bewohner stark gemacht. „In den letzten Jahrzehnten hatten Politik und Verwaltung nicht die Traute, eine endgültige Entscheidung zu treffen“, bringt Puhle das Dilemma auf den Punkt.

Die Bewohner würden jetzt wieder Mut fassen, in die Häuser zu investieren, erklärt Haase. „Der Status quo ist gesichert“, sagt SPD-Politiker Puhle. Aber wenn jemand wegzieht oder ohne Nachkommen stirbt, wird das Haus abgerissen und das Grundstück aufgegeben. „Es fehlt die Entscheidung der Stadt, ob die Herreninsel ein Wohngebiet mit B-Plan werden soll“, kritisiert Puhle. Ein Gutachten dazu sei längst in Auftrag gegeben, aber immer noch nicht erstellt worden. Das bemängelt auch Hauke Wegner. „Ich bin froh, dass nach Jahrzehnten Sicherheit für die Bewohner herrscht“, sagt der CDU-Politiker, „aber wir wollen wissen, ob dauerhaftes Wohnen auch für neue Siedler ermöglicht werden kann.“ Siedlergemeinschaft und Interessengemeinschaft sprechen sich für neue Bewohner aus.

Babyboom und Kündigung

1972 erhielten 120 Bewohner Kündigungen, weil die Trinkwasserversorgung unzureichend gewesen sein soll. Politiker schalteten sich ein. 1980 erhielten die Bewohner 30-jährige Mietverträge, die 2010 ausliefen. „1997 tauchte der damalige Senat hier auf und sagte, wir müssten alle weg“, erinnert sich Hartmut Haase von der Interessengemeinschaft Herreninsel, „als Ersatz wurden uns Grundstücke in Moisling angeboten.“ Seit den 1930er Jahren wohnen Menschen hier. 1980, als die Stadt neue Mietverträge austeilte, gab es sogar einen kleinen Babyboom.

 Kai Dordowsky

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