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Lübeck Herrentunnel: Ausstieg von Hochtief?
Lokales Lübeck Herrentunnel: Ausstieg von Hochtief?
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09:28 04.07.2017
Der Herrentunnel schaut in die Röhre: Der Gesellschafter hat bereits zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres gewechselt. Quelle: Foto: Lutz Roessler

Doch der Eigentümerwechsel ist offenbar von langer Hand geplant. Und es dürfte nicht der letzte sein. Beides geht aus nicht-öffentlichen Papieren hervor, die den LN vorliegen.

Finanzinvestor kauft Anteile – Erstmals Jahresplus für den Betreiber.

„Das Beste wäre, wenn der Bund den Tunnel übernimmt“, macht GAL-Fraktionschefin Antje Jansen klar. Nun sei ein „Finanzhai“ Miteigentümer des Herrentunnels. Anders bewertet Grünen-Fraktionschef Thorsten Fürter die Sache. In der Wirtschaftswelt sei „das ein ganz normaler Vorgang“. Für ihn kommt der erneute Anteilsverkauf am Tunnel nicht überraschend.

Blick zurück: Ende der 1990er Jahre beschließt die Bürgerschaft den Bau eines Tunnel. Das 176 Millionen Euro teure Bauwerk ersetzt die marode Brücke. Der Bund gibt 90 Millionen Euro dazu. Der Rest soll über eine Maut refinanziert werden. Die Idee: Die Privaten bauen und kassieren Geld für die Passage. Nach 40 Jahren gehört der Tunnel der Stadt. In der damaligen Zeit ein revolutionäres Projekt.

Es sollte die Zukunft weisen für Deutschlands Straßenbau. Deshalb zankten sich auch mehrere Baukonzerne um dieses Geschäft – Hochtief und Bilfinger setzen sich durch. Am 26. August 2005 wurde der Tunnel eröffnet, aber es fuhren kaum Autos durch. Die beiden Baukonzerne hatten aufs falsche Pferd gesetzt. Das Projekt war schon am Anfang gescheitert. Statt 40000 Wagen am Tag fuhren nur geschätzte 10 000 Autos durch. Die Gesellschafter hatten 22 Millionen Euro als Eigenkapital eingelegt. Bilfinger verabschiedete sich als Erster aus dem Projekt. Nur zehn Monate nach der Eröffnung schrieb der Konzern seine elf Millionen in der Bilanz komplett ab. Im Herbst 2016 stieg Bilfinger ganz aus.

Offenbar war schon damals klar: Ein Finanzinvestor soll die Anteile von Bilfinger übernehmen. Denn die Bürgerschaft hat dem Ausstieg von Bilfinger am 30. September zugestimmt. Das musste sie, weil die Stadt einen Konzessionsvertrag mit dem Herrentunnel hat. Nur drei Wochen später schreibt Hochtief wieder an die Stadt – und will erneut die Zustimmung. Diesmal geht es um den Weiterverkauf der Bilfinger-Anteile an den Infrastruktur-Fonds DIF. Das stimmt die Stadt offenbar kritisch. Sie rechnet mit einem weiteren Anteilsverkauf. Denn nur zwei Jahre sagt Hochtief zu, die Tunnelanteile zu behalten – bis Ende September 2019. Die Stadt will wissen, ob dann der nächste Anteilsverkauf ansteht. Die Antwort von Hochtief ist knapp: „Derzeit gibt es keine weiteren Verkaufsabsichten.“

Doch es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Baukonzerne aus einem Projekt zurückziehen, wenn das Bauwerk steht. Bei größeren Immobilien ist das üblich – wie dem Peek & Cloppenburg-Neubau am Markt oder dem Haerder-Center. Es wird gebaut, dann steigen Finanzinvestoren ein. Weil es derzeit kaum Zinsen bei den Banken gibt und staatliche Anleihen kaum Rendite mehr bringen, gelten Infrastrukturfonds als konservative Anlage. Es gibt zwar wenig Rendite, aber die ist einigermaßen sicher. Deshalb boomen diese Fonds – vor allem bei weniger risikofreudigen Anlegern wie Rentnern. Das erklärt auch, warum es jetzt eine vierteljährliche Ausschüttung an die Gesellschafter des Tunnels geben soll. Bisher war eine jährliche Ausschüttung üblich. Denn 2015 hat der Herrentunnel erstmals mit Plus abgeschlossen: 95 900 Euro.

Plus elf Prozent

Wenig Wagen im Tunnel. Von den einst prognostizierten 40 000 Autos am Tag ist kaum etwas übrig. Anfangs fuhren geschätzt nur 10000 bis 13 000 Wagen durch die Röhren. Zu den genauen Zahlen wollte man sich lieber nicht äußern.

Bis 2015: Im Jahresabschluss der Herrentunnel GmbH sind im Durchschnitt 16280 notiert, im Jahr davor waren es 14600 Autos – ein Plus von elf Prozent. Grund für die Steigerung 2015: die Baustellen in Lübeck und auf der A 1.

 Josephine von Zastrow

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