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Lübeck Hier ist der Umweg das Ziel
Lokales Lübeck Hier ist der Umweg das Ziel
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19:03 09.03.2018
Romantisch ist der Blick über die Trave, die zwischen Reecke und Hamberge durch die Landschaft fließt. Andreas Huß (55, r.) steht am Ufer und hofft, eine Forelle, einen Hecht oder Zander zu fangen. Quelle: Fotos: Cosima Künzel

Der erste Kilometer ist ein Zeichen. Um die rechte Wade zu schonen, bin ich für einen Tag aufs Rad umgestiegen. Doch kaum in Moorgarten Richtung Reecke losgefahren, muss ich schieben. Der Grenzflurweg ist erst schwierig passierbar, und am Ende komme ich gar nicht mehr durch. Hätte ich mal vorher mein Navi angemacht. Und so geht es den ganzen Tag weiter.

Weil die Stadtgrenze die Autobahn und die Trave überquert, sind große Schlenker und Nervenstärke nötig.

Das ahne ich aber noch nicht, als ich den schönen Billerbäckweg entlangrolle. Nach tagelangem Wandern bekomme ich fast einen Geschwindigkeitsrausch und bin flugs in Reecke. Dort entdecke ich das Symbol mit der kleinen weißen Kogge, die den Hanseatenweg markieren soll. Dieser Wander- und Radwanderweg verläuft auf den Spuren der Hanse und im Bereich alter Handelsrouten zwischen Hamburg und Szczecin (Stettin). Die Gesamtstrecke umfasst 550 Kilometer und ist ein Projekt der Naturfreunde Deutschlands.

Ich habe mir für heute immerhin knapp 40 Kilometer vorgenommen, so weit wäre es etwa bis zum Luv-Shopping in Dänischburg. Scheint mir ewig weit weg, während ich parallel zur Trave weiterradele.

Wunderschön sieht das hier aus, wie sich der Fluss durch die Landschaft schlängelt und Kinder am Rand Steine ins Wasser schnippen. Kurz hinter Reecke steht Andreas Huß (55) am Ufer. „Was fängt man denn hier so?“, frage ich den Angler, und er antwortet lachend: „Ich nichts.“ Aber vielleicht hat er ja noch Glück und holt eine Forelle, einen Hecht oder Zander an Land.

Ein Stück weiter geht Alexander Denker (22) mit seinem Neffen Samir über die Trave. Der junge Mann erinnert sich noch gut an die Diskussionen um den Neubau der Reecker Brücke. Das Bauwerk zwischen dem Lübecker Stadtteil Reecke und Hamberge im Kreis Stormarn wurde im September vergangenen Jahres freigegeben. Rund zwei Millionen Euro haben das Land Schleswig-Holstein, die Hansestadt, der Kreis Stormarn sowie die Gemeinden Hamberge und Klein Wesenberg gemeinsam aufgebracht, um die Verbindung wiederherzustellen. Der alte Überweg war in so schlechtem Zustand, dass er abgerissen werden musste und zunächst nicht ersetzt werden sollte. Doch der Widerstand ringsherum war groß, Denker freut sich noch heute über den Erfolg. „Wir haben Verwandtschaft in Reecke, und die Umwege waren mühsam.“

Umweg ist mein Stichwort. Um an der Grenze entlangzukommen, muss ich durch das Christinental parallel zur Trave. Mit 124 Kilometern ist sie der längste Fluss Schleswig-Holsteins. Die Trave entspringt nördlich von Ahrensbök, verbindet Segeberg sowie Bad Oldesloe und fließt in vielen Schleifen bis zur Lübecker Altstadt. Auf meiner Karte sind auf dem Weg am Fluss zwar Wald und Sumpf eingezeichnet, aber irgendwie habe ich das nicht ernstgenommen. Erst als ich im Matsch steckenbleibe, mein Fahrrad über Baumstämme heben oder drunterdurch quetschen muss, glaube ich es und bin in Gedanken wieder am Start. Von wegen gemütliche Fahrradtour.

Mit schweißnassem Shirt kämpfe ich mich die Hänge hoch und runter, über kaputte Brücken und an Hinweisschildern für Reiter vorbei. Gern würde ich meinen Drahtesel gegen einen Vierbeiner tauschen. Für den Riesenschachtelhalm oder andere Naturschönheiten, die es hier geben soll, habe ich keine Muße; und außerdem reiße ich mir beim Auf- und Absteigen immer wieder die Ohrstöpsel meines Navis aus den Ohren. Ich bin genervt.

Während die Stadtgrenze Richtung Roggenhorst abknickt, fahre ich weiter geradeaus durch die Moislinger Aue. Immerhin habe ich eingesehen, dass ich nicht so geradewegs über das Wasser und die Autobahn komme, wie die kleine gepunktete Linie, die die Stadtgrenze auf meiner Karte markiert. Also nehme ich einen Riesenumweg über Moisling und Hamberge in Kauf. Weiter geht es dort auf einem Radweg:

wunderbar. Am Gewerbegebiet Roggenhorst vorbei fahre ich wieder im Grünen und dann bis zur Wüstenei. Am äußersten Nordwestrand der Hansestadt liegt der Truppenübungsplatz, dessen südliche Bereiche für Spaziergänger geöffnet sind. Angesichts der vielen Warnschilder ist mir die Durchfahrt aber doch nicht geheuer. An der Schranke drehe ich um und fahre ein Stück Straße zurück.

Auf dem Rest meiner Tour zwischen Stockelsdorf und Lübeck freue ich mich auf guten Wegen dann aber doch, dass ich mein Fahrrad dabeihabe. Am Landgraben in der Dornbreite treffe ich Beate Timm (53) während ihrer Walking-Tour direkt an der Stadtgrenze entlang. Timm wohnt dort gern, von wo aus sie auch ihre acht Kilometer-Runden dreht. Historisch bildeten der Landgraben und einige Wälle die mittelalterliche Landwehr, mit der Lübeck das städtisches Vorfeld sicherte. Immer wieder sehe ich den Wasserlauf, während ich zwischen Stockelsdorf und Lübeck durch üppige Grünstreifen fahre und komme – wie so oft mit einem großen Staunen – an einem nicht erwarteten Ort heraus. „Ach hier bin ich“, denke ich, als ich durch einen Fußgängertunnel in die Wissmannstraße direkt an der Grenze zu Bad Schwartau stehe. Bis zum Luv-Center schaffe ich es heute nicht mehr. Das muss bis morgen warten.

 Cosima Künzel

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