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22:43 17.11.2016
Vor der Aufnahme wurde der Flügel gründlich gestimmt und zahlreiche Mikrofone in Stellung gebracht. Auf der Bühne im leeren Großen Saal der Musikhochschule spielt Pianistin Violetta Khachikyan. FOTOS: MICHAEL HOLLINDE

Innenstadt Die Botschaft ist eindeutig – wenn die rote Lampe am Eingang zum Großen Saal leuchtet, heißt dies: „Bitte nicht eintreten!“ Doch für Sönke Wunstorf ist das kein Problem; denn wenn er den Saal betritt, wird er sehnlichst erwartet. „Das Klavier ist ein bisschen out of order. Das ,dis‘ und ,e‘ gefallen mir nicht mehr. Könntest du dir das mal bitte vornehmen“, wendet sich Tonmeister Thomas Fricke-Masur an den Hauptklavierstimmer der Musikhochschule Lübeck (MHL). Schließlich muss alles perfekt sein – in der MHL-eigenen CD-Reihe soll ein neuer Tonträger hinzukommen; drei Tage sind für die Aufnahme anberaumt.

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An der Musikhochschule wird eine neue CD aufgenommen – Mit viel Detailarbeit und Konzentration.

Eigene CD-Reihe

Seit 1992 werden herausragende Projekte an der Musikhochschule auf CDs veröffentlicht. Über 15 Tonträger sind schon erschienen. Unter anderem sind dabei: „ModernArt/MozArt“ mit Sabine Meyer, Rainer Wehle und der Klarinettenklasse, die „Brass Promenade“ mit dem Großen Blechbläserensemble, „Lübeck Sounds“ mit der MHL-Bigband sowie „Braviola“ mit der Bratschen-Klasse von Barbara Westphal.

Am Flügel auf der Bühne sitzt Violetta Khachikyan. Die Stühle in den Zuschauerreihen sind verwaist; am Instrument umgeben ist die Pianistin einzig und allein von einer Phalanx aus Mikrofonen. „Ich möchte sowohl die Fülle des schönen Raumes wie auch die Direktheit des Instrumentes und die Wuchtigkeit der Bässe erfassen“, erklärt Fricke-Masur den Aufbau. 70 Minuten Spielzeit sind für die neue CD vorgesehen; am Ende des dritten Aufnahmetages werden dafür rund drei Stunden Klangmaterial zur Verfügung stehen.

Nachdem wieder alles „stimmig“ ist, kehrt der Tonmeister in sein Studio zurück. Dies liegt eine Etage höher. Dort kann er auf einem Monitor, der über seinem PC- Mischpult hängt, via Live-Übertragung das Geschehen auf der Bühne verfolgen. „Violetta, weiter geht’s. Den sechsten Satz bitte“, so seine Aufforderung. Hochkonzentriert verfolgt er das virtuose Spiel, macht sich Notizen, blättert um und schreibt in die Notenseiten.

„Ja, prima, dankeschön! Da habe ich noch so einiges vermerkt“, erklärt er am Ende des musikalischen Satzes, „lass uns nochmal über den Anfang sprechen. Die Sechzehntel waren mir eine Spur zu legero.“

Zeile für Zeile arbeiten sie sich nochmal durch das Stück. Einige Passagen werden von der Pianistin ein paar Mal wiederholt.

„Es ist manchmal schon mikroskopisch, was wir machen; trotzdem bemühen wir uns, es verhältnismäßig großflächig zu gestalten, auch wenn man auf dem Endprodukt von den Schnitten nichts hört“, bemerkt Fricke-Masur.

Initiiert wurde die CD von Prof. Wolfgang Sandberger, Leiter des Brahms-Instituts an der MHL. „Erst Anfang des Jahres haben wir in einem neuen Digitalisierungsprojekt rund 9000 Einzelseiten aus dem Nachlass von Theodor Kirchner online gestellt. Er war ein Freund von Johannes Brahms und Schüler von Robert Schumann“, führt Sandberger aus. „Und auf der CD werden poetische Charakterstücke zu hören sein, die Kirchner aus dem Geiste Schumanns komponiert hat.“

Auch letzterer wird Spuren auf dem Tonträger hinterlassen. Deshalb wird unter dem Arbeitstitel „Humoresquen und Romanzen von Kirchner und Schumann“ produziert. „Einiges ist wirklich schwer und hat viele Geheimnisse, so dass ich froh bin, mich damit schon länger beschäftigt zu haben“, bemerkt Violetta Khachikyan, die schon viele Wettbewerbe gewinnen konnte. Alle anderthalb bis zwei Stunden gibt es für sie eine Pause; zwischendurch steht sie auch mal auf und dreht sich zur Lockerung im Kreis. „Wichtig ist, die Spannung zu halten. Das ist schon etwas völlig anderes als in einem Konzert“, sagt die 34-jährige gebürtige Russin.

Im nächsten Monat wird sie sich dann mit dem MHL-Tonmeister zusammensetzen und das Klangmaterial auswählen, das auf die CD gepresst werden soll. „Da werden wir über die ein oder andere Stelle diskutieren, aber sicher zu einer Lösung kommen“, so Thomas Fricke- Masur. Und für März oder April kündigt er das fertige Produkt an.

 Michael Hollinde

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