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Lübeck Höhenflug der Kirchenglocken
Lokales Lübeck Höhenflug der Kirchenglocken
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23:01 19.06.2017
Denn die Glocke muss nicht nur die vielen Meter überwinden, sondern auch im Glockenstuhl an ihre Position gebracht werden. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Innenstadt

„Stooop!“, ruft Jürgen Schwarck und presst sich mit voller Wucht gegen die schwere Kirchenglocke, um sie von einem Holzbalken wegzudrücken. Dann rennt er über die knarrenden Treppen ein „Stockwerk“ höher. 150 Stufen muss er insgesamt zurücklegen. Er pustet, der Schweiß läuft ihm von der Stirn. „Und das an einem Montag“, ruft ein Kollege ihm zu. „Da ist egal, welcher Wochentag ist, das ist Ausnahmezustand“, stöhnt Schwarck und lässt sich auf einen staubigen Mauersims sinken. Gemeinsam mit seinen Kollegen Thomas Thomm und Gabriel Santos von der Firma Iwersen Dimier zieht er die beiden Glocken der Aegidienkirche in den Glockenstuhl hinauf. Fast 40 Meter Höhenunterschied müssen die jeweils fast 1000 Kilo schweren Bronzeglocken dabei überwinden. Maßarbeit für die Experten.

Grund für den Aufwand ist ein Riss in einer der drei Glocken. Seit Jahren blieb sie deshalb stumm, 2016 wurde sie zur Reparatur gegeben. „Gleichzeitig wurde eine vierte Kirchenglocke in der Gießerei Rincker hergestellt, um das Gleichgewicht in der Glockenstube herzustellen“, erzählt Bauingenieurin Diana Kaphingst. Damit ist der Zustand wieder hergestellt, der vor dem Zweiten Weltkrieg herrschte.

Die vier Glocken sollten damals für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen werden und wurden deshalb vom Turm geholt. Zwar blieben sie letztlich verschont, eine Glocke ist seitdem dennoch verschollen.

Dass das Geläut nun bald wieder vollständig ist, stimmt die ganze Gemeinde froh.

Doch bis das erste Mal geläutet werden kann, steht viel Arbeit an. Denn die Glocke muss nicht nur die vielen Meter überwinden, sondern auch im Glockenstuhl an ihre Position gebracht werden. „Für uns kein großes Problem. So etwas machen wir häufiger. Aber es ist viel Arbeit“, erzählt Schwarck, der auch die Jahrtausendglocke im Hamburger Michel installiert hat. Das Versetzen der Glocke wird mit Hilfe von Seilzügen gemacht, die schräg angebracht werden und die Glocke seitlich bewegen können. Gabriel Santos steht auf dem Dachstuhl und kurbelt das dicke Drahtseil nach oben. Die Glocke schwingt leicht, bewegt sich dann gemächlich in die Lücke zwischen den Balken. Schwarck nickt zufrieden.

Wenige Meter weiter hält Diana Kaphingst den Atem an. Sie hat das Vorhaben betreut, ist wöchentlich die 150 Stufen hinaufgestiegen, um die Sanierung des Glockenstuhls zu begleiten. „Da oben biegen sich die Dachbalken mächtig“, sagt sie unruhig und deutet auf den Balken, der die Last des Flaschenzugs trägt. Bei jeder Umdrehung der Kurbel schwingt er leicht. „Na, es wird schon alles gutgehen“, sagt sie leise. Der Glockenstuhl hat den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschädigt überstanden. Auch Witterungsschäden im Holz konnten die Experten kaum verzeichnen. „Das war wirklich erfreulich. Wir mussten nur das Geläut vom Dach und dem Mauerwerk trennen“, sagt Kaphingst. Durch die bestehende Verbindung wurde bei jedem Kirchenläuten der Schwung ins Dach übertragen. Auf Dauer wären Mauerrisse und Gefährdungen der Statik zu befürchten gewesen. 150 000 Euro hat die Maßnahme gekostet, rund ein Drittel davon wurden für die neue Glocke und die Beseitigung des Risses benötigt. „Weil der Riss immer noch zu sehen ist, soll die Glocke aber trotzdem nur jedes zweite Mal mitläuten“, erzählt Diana Kaphingst. Um den Klang zu verbessern, wurden auch die Glockenaufhängungen, die sogenannten Jochs, erneuert. Sie sind künftig aus Holz, nicht mehr aus Metall. Passend gibt es neue Holzklöppel.

Die neue Bronzeglocke steht derweil auf dem Dielenboden. Eine gute Stunde hat ihr Weg nach oben gedauert. Die zweite ist deutlich schneller, sie muss nur gerade hochgezogen werden. Die Luft im Glockenstuhl ist stickig, die Sonne blinzelt durch die kleinen Gitterfenster, und Jürgen Schwarck blickt zufrieden auf die Glocken. „Alles nach Plan gelaufen“, sagt er und wischt sich ein letztes Mal den Schweiß von der Stirn. Bis Ende der Woche will das Team die Jochs tauschen und die Glocken aufhängen. Dann wird ein Termin festgelegt, an dem die Glocken das erste Mal erklingen.

 Maike Wegner

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