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Lübeck Hössermanns „historische Brötchen“
Lokales Lübeck Hössermanns „historische Brötchen“
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11:30 17.01.2017
Das Ehepaar Jürgen und Renate Hössermann (91 und 81) lagert seine Brötchen auch jetzt wieder in einer Schublade in ihrer Wohnung in St. Lorenz Nord. Quelle: Maxwitat
St. Lorenz Nord

Viele Jahrzehnte, vielleicht sogar über ein ganzes Jahrhundert, lagen sie verborgen in einem alten Sekretär. Solange, bis Renate Hössermann beim Säubern des Möbelstücks einen versteckten Mechanismus entdeckte und – klack – ein Geheimfach die zwei kleinen, harten Brötchen zu Tage förderte.

Ihr Mann, Jürgen Hössermann, vermutet, dass die Brötchen damals schon seit etwa 100 Jahren das Licht nicht mehr gesehen hatten. „Der Sekretär stammte aus der Familie meiner Großeltern mütterlicherseits“, erzählt der 91-Jährige. Und Hössermann weiß: Sein Urgroßvater hatte sich 1850 in Burgdorf bei Hannover als Bäckermeister selbstständig gemacht. Carl Friedrich Wilhelm Ferdinand Klauke hat er geheißen, und er führte ein Geschäft in der Marktstraße gegenüber der Kirche – soviel hat Hössermann herausfinden können. Ob es aber wirklich Klauke war, der die kleinen Backwaren im Sekretär versteckte, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben. Die Tochter des Bäckermeisters – seine Großmutter – konnte Hössermann nicht mehr fragen. Sie starb 1944 in Burgdorf, noch bevor Renate Hössermann das Fach hinter einer Schublade öffnete. Doch wenn sie von den Brötchen gewusst hätte, warum lagen sie dann noch in dem Sekretär, als Hössermann ihn erbte? „Ich denke, die Brötchen stammen von meinem Urgroßvater aus der Zeit um 1850 bis 1870 “, sagt Hössermann. Warum er oder jemand aus seiner Familie die Brötchen aufbewahrt haben könnte, können Hössermanns sich jedoch nicht erklären.

Tatsächlich aber sind Brötchen, die Jahrhunderte überdauern, gar nicht so selten. So gibt es im Museum der Brotkultur in Ulm eine große Sammlung von sogenannten Hungerbroten aus dem 19. Jahrhundert.

„In Zeiten der Nahrungsknappheit wurden die Brote kleiner und teurer“, berichtet Dr. Marianne Heinold. Manche Menschen behielten solche kleinen Brote als Erinnerung an besonders schlechte Zeiten. Es waren sozusagen Brote mit Symbolwert. „So eine Sammlung haben wir hier nicht, aber dieses Verhalten wird nicht regional begrenzt sein“, sagt dazu Holger Horstmann vom Stadtarchiv Hannover. Gerade in Jahren der Missernte, von denen es im 19. Jahrhundert in der Region Hannover einige gab, mögen solche Brote als Erinnerung einbehalten worden sein. Ob Jürgen Hössermanns Brötchen tatsächlich diesen Hintergrund haben – immerhin sind auch sie recht klein – bleibt Spekulation. „Vielleicht war es auch eine Art Talisman, oder vielleicht ist etwas darin eingebacken“, überlegt das Ehepaar mit einem leisen Lächeln. Für einen Goldschatz sind die beiden Brote mit etwa zwölf und acht Gramm aber zu leicht. Dennoch: „Sie sind zu einer wichtigen Erinnerung geworden“, sagen Hössermanns. Ihr ältester Sohn möchte sie später einmal verwahren. Schließlich war der bei dem Fund sogar dabei: „Ich war hochschwanger, als ich dieses Fach entdeckte“, erinnert sich Renate Hössermann. Sie werden also weitergegeben und noch älter werden – ein ungewöhnliches Erbstück aus unbestimmter Zeit.

Wie Backwaren uralt werden

Brötchen überdauern die Zeit, sofern sie trocken gelagert werden. Einmal durchgetrocknet können sie problemlos vom 19. ins 21. Jahrhundert weitergegeben werden. Alterserscheinungen sind einzig zunehmende Härte und ein geringfügiges Schrumpfen durch Wasserentzug.

Brot oder Brötchen? Theoretisch könnte es sich bei Hössermanns Backwaren auch um sehr kleine Brote – wie die Hungerbrote – handeln. Dagegen spricht aber die helle Farbe, die auf viel Weizenmehl hinweist.

 Luisa Jacobsen

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