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Hohe Haftstrafen für Kinderschänder ohne Reue

Lübeck Hohe Haftstrafen für Kinderschänder ohne Reue

Wegen schweren sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung seiner zweijährigen Tochter ist der Vater des Kindes am Donnerstag zu einer Haftstrafe von zehn Jahren und neun Monate verurteilt worden. Der Mittäter wurde zu zehn Jahren verurteilt.

Ein Polizist am Prozesstag vor dem Landgericht Lübeck.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. Es ist nicht leicht, objektiv zu bleiben in dem Fall der Angeklagten Philipp F. (29) und Stefan G. (47, Namen geändert). Sie haben F.s zweijährige Tochter grausam vergewaltigt, misshandelt und gedemütigt. Die Objektivität ist eine Anstrengung, die der Rechtsstaat den Juristen abfordert. Tonlos verliest die Vorsitzende Richterin Helga Lukowicz das Urteil: Zehn Jahre und neun Monate sowie Unterbringung in der forensischen Psychiatrie für Philipp F., den Vater, dem das Gericht verminderte Schuldfähigkeit bescheinigt; zehn Jahre für Stefan G. Das Gericht ist damit unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft geblieben, die 13 Jahre für Philipp F. und elf Jahre für Stefan G. gefordert hatte.

Das Martyrium des kleinen Mädchens endete erst Anfang November 2016

Mit dem Urteil blieb die Strafkammer unter dem Antrag der Staatsanwältin, die für den Vater 13 Jahre und für den Mittäter elf Jahre forderte.

Die Richterin stellt klar: „Das Gericht entscheidet (...) nicht nach Gefühl – und das auch bei emotional sehr berührenden Taten.“ Vor allem zwei Punkte sind es, die die Richter veranlasst haben, das Strafmaß niedriger anzusetzen als die Staatsanwaltschaft. Erstens: Das Gericht sieht keinen Nachweis dafür, dass im Verlauf der Misshandlungen für die Angeklagten erkennbar Todesgefahr für das Kind bestanden hätte. Beim zweiten Punkt entsteht im Publikum Unruhe: Das Gericht hält es nicht für erwiesen, dass das Kind dauernde Schäden davontragen werde. Begründung: Wegen seines jungen Alters werde es sich später an die Taten nicht erinnern können.

Glaubwürdige Reue erkennt das Gericht bei den Angeklagten nicht – nicht bei Philipp F., dem von Lukowicz ein „erhebliches Ausmaß an Empathielosigkeit“ bescheinigt; und auch nicht bei Stefan G., der in der Verhandlung mehr Gefühlsregung erkennen ließ. „Wir haben bei ihm Tränen gesehen“, sagt von Lukowicz trocken, „aber das waren eher Tränen des Selbstmitleids.“ Die Angeklagten folgen der Verlesung des Urteils äußerlich unbewegt. Die Mutter des Kindes blickt nach unten, das Gesicht hinter dem langen Haar verborgen, und knetet ein Tuch, das sie in beiden Händen hält.

Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung lassen offen, ob sie in Revision gehen werden. Jens Heinrich, der Verteidiger von Philipp F., zeigt sich im Ganzen zufrieden mit dem Urteil. Er werde aber die schriftliche Begründung abwarten. Ulla Hingst, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, sagt, das Gericht sei weitgehend dem Antrag ihrer Behörde gefolgt. „Soweit es Abweichungen gegeben hat, werden wir sorgfältig prüfen, ob wir Revision einlegen werden.“

Bei Franziska Hammer, der Anwältin der Nebenklage, hat das Verfahren Spuren hinterlassen. „Wir mussten uns die Videos angucken. Das war das Schrecklichste, was ich bisher in meiner beruflichen Laufbahn erleben musste.“ In Bezug auf das Urteil formuliert sie diplomatisch: „Ich hätte vollstes Verständnis dafür, wenn die Staatsanwaltschaft in Revision geht.“ Kritisch sieht sie vor allem die Einschätzung des Gerichts, dass dem Kind kein dauernder Schaden entstanden sei. „Es ist sicher richtig: Die Erinnerung setzt erst mit dem vierten Lebensjahr ein. Aber genau das halte ich für höchst gefährlich und problematisch“, sagt sie. „Das Gehirn speichert natürlich alles, so dass das Unbewusste damit arbeitet.“ Gerade das mache eine aktive Auseinandersetzung in einer Therapie schwer.
Das Kind lebt nach Angaben der Anwältin bei der Mutter. „Wir sorgen dafür, dass das Kind erfahren kann: ,Du bist jetzt in einem liebevollen Umfeld.‘ Damit es Stück für Stück Vertrauen wieder aufbauen kann.“ Es gehe dem Mädchen den Umständen entsprechend gut. „Sie hat manchmal ,Papa aua‘ gesagt. Mittlerweile sagt sie gar nicht mehr ,Papa‘.“

Von Hanno Kabel

Warnzeichen ernst nehmen

Sexuelle Gewalt bedeute für Kinder extreme Hilflosigkeit, Verstörung bis hin zu Todesangst und oft lebenslange Traumatisierung. Das betont die Vorsitzende des schleswig-holsteinischen Landesverbands des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB), Irene Johns.

Für Eltern und Verwandte gebe es oft Warnzeichen . Etwa wenn Kinder unvermittelt verstummen, resignieren oder aggressiv werden, wenn sie sich plötzlich selbst verletzten oder sexualisiertes Verhalten zeigen, dann könnten das Anzeichen für Missbrauch sein, erläutert die Kinder-und Jugendpsychologin.

Aufmerksame Familienmitglieder , Freunde und Betreuungspersonen etwa in Kitas sollten dann „immer nach möglichen Gründen fragen und sich bei Unsicherheit unbedingt Rat oder Hilfe holen, zum Beispiel beim nächsten Kinderschutz-Zentrum oder einer Fachberatungsstelle vor Ort“, fordert die Expertin.

Der Leiter des Kieler Kinderschutzbundes , Manuel Florian, verweist darauf, dass die Täter überwiegend aus dem direkten familiären Umfeld stammen - Familienangehörige, Nachbarn, Freunde, Personen, die die Kinder gut kennen. Kinder seien ihnen schutzlos ausgeliefert, denn sie nutzten deren Loyalität, verpflichten sie auch mit Drohungen zum Schweigen und würden ihnen die Schuld zuschieben.

Laut polizeilicher Kriminalitätsstatistik wurden 2016 bundesweit fast 11 300 Verdachtsfälle auf Kindesmissbrauch, in Schleswig-Holstein knapp 500 Fälle registriert, sagt Florian. Die Dunkelziffer sei extrem hoch. Geschätzt würde höchstens ein Viertel der Taten überhaupt bekannt, noch weniger würden angezeigt und nur in einem ganz kleinen Bruchteil käme es zur Verurteilung.

Für betroffene Kinder gehe es darum, alles zu tun, um ihnen wieder gute und sichere Lebensbedingungen zu schaffen. Ein normales, unbeschwertes Leben wie bei anderen Menschen sei ihnen oft nicht möglich.

Chronik:

Experten zufolge ist die Familie der Haupttatort für sexuellen Kindesmissbrauch. Fünf Fälle:

Mai 2016: Aus Eifersucht quälte ein junger Vater seinen 19 Tage alten Sohn, missbrauchte und ermordete ihn. Dafür verurteilt das Landgericht Mönchengladbach (NRW) den Mann zu lebenslanger Haft. Die Mutter schritt nicht ein. Das Urteil für sie: zwei Jahre Haft auf Bewährung.

Oktober 2014: Knapp zwei Jahre alt war das Mädchen, als es vom Vater sexuell missbraucht wurde. Außerdem stellte er Nacktaufnahmen seiner Tochter ins Internet. Das Landgericht Schwerin verurteilt den 30-Jährigen zu drei Jahren und neun Monaten Haft.

April 2014: Er ließ seine siebenjährige Tochter für Pornobilder posieren und bot sie einem Bekannten für Sex an: Zwei Jahre und neun Monate Haft lautet das Urteil des Landgerichts Gera (Thüringen) für den Vater.

Oktober 2012: Im Prozess um den Tod der vier Monate alten Amy verurteilt das Landgericht Bielefeld den 26-jährigen Täter wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Er hatte das Baby seiner Freundin vergewaltigt und so geschlagen, dass Milz und Leber einrissen.

Juni 2012: Betrunken missbrauchte er seinen Sohn und prügelte ihn zu Tode. Zehn Jahre Haft wegen Totschlags, urteilt das Landgericht Bielefeld. Der 28 Jahre alte Alkoholabhängige lebte von der Mutter des Kindes getrennt.

Unterbringung in der Psychiatrie

Für Straftäter , bei denen das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit feststellt, kann es die Unterbringung in der Psychiatrie oder einer Entziehungsanstalt anordnen. Dort sollen sie therapiert werden, bis von ihnen keine schwerwiegenden Straftaten mehr zu erwarten sind. Der Erfolg der Therapie wird regelmäßig begutachtet.
Die Zeit in der Psychiatrie wird auf die Strafe angerechnet – allerdings nur, bis zwei Drittel der Strafe verbüßt sind. Wenn die Therapie abgeschlossen ist, bevor das Strafmaß erfüllt ist, verbüßt der Verurteilte den Rest seiner Strafe in einer Justizvollzugsanstalt.
Solange der Verurteilte eine schwerwiegende Gefahr darstellt, kann ein Gericht seine Unterbringung in der Psychiatrie auch über das Strafmaß hinaus verlängern.

 

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