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Lübeck Hunde vergiftet: Die Angst geht rum
Lokales Lübeck Hunde vergiftet: Die Angst geht rum
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18:20 23.11.2016
Svenja Petersen und ihr Labrador „Marlon“ wohnen im Bornkamp. Wie viele Anwohner macht die 15-Jährige sich Sorgen, dass ihrem vierbeinigen Liebling etwas zustoßen könnte. Quelle: Lutz Roessler
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St. Jürgen

Es ist kurz vor dem Mittag, als Gabriele Boje (56) mit ihrem Windhund eine Runde auf dem Lisa-Dräger-Wanderweg vom Bornkamp aus nach Vorrade dreht. Zwei Stunden später zittert der Hund, erbricht und droht zu kollabieren. In der Tierärztlichen Klinik für Kleintiere bekommt er eine Infusion, er hat blutigen Durchfall und muss nach der Erstversorgung in eine Spezialklinik nach Norderstedt.

Ein Tier starb bereits – Köder auch für kleine Kinder gefährlich – Polizei bittet um Mithilfe.

Die Diagnose: „Dante“ hat beim Spaziergang einen Giftköder gefressen. Kein Einzelfall, allein im Bornkamp soll es am vergangenen Freitag mindestens fünf Fälle gegeben haben, in sozialen Netzwerken warnen Hundebesitzer außerdem vor Ködern in Kücknitz, Brandenbaum und dem Hochschulstadtteil. „Das ist ja auch für kleine Kinder gefährlich. Die stecken doch auch alles in den Mund, was sie finden“, mahnt Gabriele Boje. Bisher ist offiziell nur bekannt, dass es sich nicht um Rattengift handelt. Versteckt wird das Gift in kleinen „Leckerbissen“ wie Leberwurst oder rohem Fleisch.

Auch die Polizei warnt mittlerweile vor dem versteckten Gift. Auf dem Spielplatz im Bornkamp prangt seit Sonnabend ein Zettel, mit dem Hundebesitzer angehalten werden, auf ihre Vierbeiner zu achten und Auffälligkeiten zu melden. „Der Polizeistation St. Jürgen sind fünf Fälle bekannt, bei denen die Hunde am Wegesrand und auf dem Feld geschnüffelt oder etwas gefressen hätten“, sagt Polizeisprecher Dierk Dürbrook. Wer etwas Auffälliges beobachtet hat, soll sich unter der Telefonnummer 0451/400770 melden.

Auch Welpe „Balou“ ist Opfer der Giftköder geworden. Nur weil er kurz nach dem Fressen alles ausgespuckt hat, hat er überlebt. „Er sah ganz übel aus, man hat richtig Angst bekommen. Als wir in die Klinik kamen, saßen dort schon drei andere Hundebesitzer“, erzählt Joachim Wesner. In der Tierärztlichen Klinik kennt man das Problem der Giftköder. „Es kommt regelmäßig vor, allerdings hatten wir noch nie so viele Fälle auf einmal“, erzählt Fachtierarzt Peter Schmidt. Die Hunde seien wenige Stunden nach dem Fressen mit Krämpfen, Fieber, Durchfall, Erbrechen und Koliken in die Praxis gekommen.

„Sie haben massiv gelitten, es war ein Kampf ums Überleben.“ Ein Patient hat diesen Kampf nicht geschafft, der Hund verstarb an den Folgen der Vergiftung. Ein weiterer schwebt noch in Lebensgefahr.

„Wer so etwas tut, sollte sich auch Gedanken um die Folgen machen“, appelliert Schmidt. „Wenn ein Kind einen Hund verliert oder ein alter Mensch, der nur noch einen Hund als Bezugsperson hat, dann ist das sehr schlimm.“

Im Bornkamp beherrscht deswegen die Angst den Alltag. Der Feldweg ist am Nachmittag einsam und verlassen. Kaum einer dreht hier seine gewohnte Runde. „Das hat sich rumgesprochen wie ein Lauffeuer, man warnt jeden, den man trifft“, erzählt die 15-jährige Svenja Petersen, die mit Labrador „Marlon“ unterwegs ist. „Am Wochenende sind wir auch auf dem Wanderweg unterwegs, man macht sich schon sehr große Sorgen“, erzählt sie.

Die vielen Fälle sorgten auch in den sozialen Netzwerken für hitzige Diskussionen und Gerüchte. Unter anderem kursierte ein Foto auf Facebook, mit dem Meike Carstensen, Inhaberin von „fini-mini – Der Hundeladen“ vor Giftködern vor dem Eventschiff „Cargo“ warnt. „Mich hat ein richtiger Shit-Storm erreicht. Das war nicht witzig, es sind sogar Morddrohungen gekommen“, sagt „Cargo“-Schiff-Betreiber Jens Baschant. Mittlerweile hat sich die Angelegenheit geklärt: Ein Schädlingsbekämpfer hat ganz legal Rattengift ausgelegt.

Im Hundeladen ist seit Sonnabend dennoch die Hölle los. „Nach den Vorfällen im Bornkamp und anderswo standen gestern Morgen schon vor Geschäftsöffnung zehn Leute vor der Tür, die einen Maulkorb kaufen wollten“, erzählt Meike Carstensen. Denn das ist die einzige Möglichkeit, die Vierbeiner daran zu hindern, vermeintliche Leckerbissen auf dem Spaziergang zu fressen.

 Maike Wegner

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