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Lübeck Bernd Saxe: „Ich war immer ein eigenständiger Geist“
Lokales Lübeck Bernd Saxe: „Ich war immer ein eigenständiger Geist“
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09:13 16.04.2018
Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

LN: Sie waren 18 Jahre Bürgermeister. Was war das schlimmste Jahr?
Bernd Saxe: Das schlimmste Jahr war 2003, als über Nacht 30 Millionen Euro Steuereinnahmen weg waren – durch ein einziges Unternehmen. Das waren weit mehr als ein Drittel der Gewerbesteuer. Und ich hatte schon einen stark defizitären Haushalt übernommen.

Dann haben Sie einen Sparkurs gefahren – und jahrelang massiv Kritik eingesteckt. Höchstes Defizit ihrer Amtszeit waren 147 Millionen Euro. Nun sind Sie bei einem Plus von 38 Millionen Euro. Sie haben den Turnaround geschafft. Hat Sie jemand dafür gelobt?
Ja, viele. Aber klar ist auch, dass man so einen Kurs nur gegen Widerstände fahren kann – aus der Bevölkerung, von Interessengruppen, von Politikern. Im Nachhinein kriege ich dafür Schulterklopfen. Zwischendrin war das nicht so.

Und wie hält man das durch?
Mit innerer Überzeugung, dass man auf dem richtigen Weg ist. Anders geht es nicht.

Auch die Altstadt hat einen kräftigen Wandel hingelegt. Sie war unattraktiv, viele Geschäfte standen leer, die Bürgersteige waren ab 18 Uhr hochgeklappt. Heute sieht es anders aus. Ihr Verdienst?
Das ist auf keinen Fall mein Verdienst allein. Da ist die ganze Verwaltung und die Politik beteiligt, und vor allem die Wirtschaft. Richtig ist, dass sich die Stadt im Erscheinungsbild und in ihrer Selbstwahrnehmung geändert hat. Das hat auch etwas damit zu tun, dass wir Ende des letzten Jahrhunderts 25 000 Arbeitsplätze in Lübeck verloren hatten. Depression lag wie Mehltau auf der Stadt.

In der Situation eine neue Perspektive zu entwickeln war die größte Aufgabe. Wie haben Sie's gemacht?
Wir haben nach außen signalisiert: Wie wollen, dass Firmen zu uns kommen . . .

Für Ihre Bewerbung um die Ansiedlung von BMW wurden Sie belächelt.
Ja, alle haben gesagt: Das schafft ihr nie. Auch ich habe gewusst: Nein, das schaffen wir nie. Aber es signalisiert in ganz Deutschland, in Europa: Da ist eine Stadt, die offen ist für Ansiedlungen. Das war die Botschaft, die ich senden wollte.

Hat es gewirkt?
Ja, wir haben in der Folge viele Unternehmen in Lübeck angesiedelt – bis zu 40 im Jahr.

Der Herrentunnel hat Sie die gesamte Amtszeit begleitet. War der Tunnel ein Fehler?
Nein. Ich war immer ein Befürworter des Tunnels und bin es auch heute noch. Ich kann nachvollziehen, dass Menschen Schwierigkeiten damit haben, dass sie bezahlen sollen, wenn sie über die Trave wollen. Aber man muss sich an die Zeit davor erinnern: 10 bis 15 Mal pro Tag öffnete sich die Brücke – und man stand 20 Minuten davor. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Zum Flughafen haben Sie stets gestanden. Trotz aller Kritik. Hatten Sie nie Zweifel?
Nein. Ich war immer überzeugt, dass ein Flughafen richtig ist für Lübeck. Ich hatte aber Zweifel, ob ich zum Schluss Erfolg haben werde. Immerhin bin ich der einzige Mensch in Deutschland, der vier Mal einen Flughafen verkauft hat. Drei Investoren sind uns weggelaufen, zwei Mal musste die Gesellschaft durch die Insolvenz. Da habe ich schon mal gedacht: Das wird nichts mehr. Zum Stand von heute habe ich aber richtig gelegen.

Der Hafen lief blendend. Jetzt wäre er fast in den Ruin geschlittert. Hätten Sie früher gegensteuern müssen?
Wir haben ganz lange versucht gegenzusteuern – ohne, dass die Öffentlichkeit davon etwas mitbekommen hat. Das war ein Prozess von Jahren. Aber es bedurfte offenbar spektakulärer Ereignisse wie der Insolvenz des Hafenbetriebsvereins, damit alle Beteiligten aufwachen: Jetzt wird es ernst.

Ihre Prognose für Lübeck in 2020?
Die Arbeitslosigkeit wird weiter sinken. Mein Ziel waren 6,6 Prozent – wir sind bei 20 Prozent gestartet. Wir haben gute Chancen, dass die Haushalte der Stadt weiter Überschüsse erzielen. Ich wünsche mir, dass die Politik die Kraft hat, die Überschüsse dann auch in den Schuldenabbau zu stecken.

Vorgeworfen wird Ihnen, dass Sie in der Verwaltung nicht öfter mit der Faust auf den Tisch hauen – und vieles laufen lassen. Richtig?
Ich finde, dass Senatoren hochbezahlte Kräfte sind, die Verantwortung tragen müssen. Man kann nicht 80 000 oder 90 000 Euro im Jahr verdienen und sich bei jeder Entscheidung hinter dem Chef verstecken. Aber solche Senatoren kenne ich auch gar nicht!

Wo wir beim Geld sind: Geschäftsführer von städtischen Gesellschaften verdienen meist mehr als Sie oder die Senatoren, die ihre Vorgesetzten sind. Ist das ein Problem?
Nein, überhaupt nicht. Ich mache gelegentlich Witze mit den Geschäftsführern, dass ich ihnen als weniger Verdienender sagen muss, wo es lang geht. Aber ich habe jahrelang gutes Geld verdient und bin privat relativ bedürfnislos.

Aber ist es ein generelles Problem?
Das Problem ist ja nicht, dass Geschäftsführer zu viel verdienen. Wir bewegen uns immer im Durchschnitt der jeweiligen Branche bei ihren Gehältern. Das Problem ist, dass verantwortliche Politiker zu wenig verdienen, auf allen Ebenen. Als Chef dieser Verwaltung hat man 3000 bis 4000 Mitarbeiter und Verantwortung für einen 1,5-Milliarden-Haushalt. Da ist der Job unterbezahlt. Nicht weil ich zu wenig verdiene, sondern weil man bestimmte Leute aus der Wirtschaft nicht mehr für diesen Job kriegt, wenn sie als Bürgermeister dann ein Fünftel verdienen.

Zur Politik: Die Bürgerschaft hat Kailine gekippt, eine Initiative hat den Umbau der Untertrave verhindert. Nervt das?
Natürlich nervt es, wenn man sich mit seinen Ideen nicht durchsetzen kann. Aber so ist unser demokratisches System aufgebaut. Kailine sehe ich als meine schmerzhafteste Niederlage an. Ich hätte gerne die Nördliche Wallhalbinsel entwickelt. Ich sehe die jetzigen Pläne mit großer Skepsis, weil ich sie wirtschaftlich nicht für tragfähig halte.

Wie viele Projekte haben Sie nicht durchgebracht?
Meine Sparlisten habe ich fast immer durchbekommen. Vielleicht waren es zwei, drei Projekte, bei denen es mir nicht gelungen ist. Das finde ich für 18 Jahre ganz gut.

Kritik gab es oft an Ihren öffentlichen Auftritten – vor allen von den Politikern der Bürgerschaft. Sie würden zu viel repräsentieren. . .
Ich glaube, es ist ein Teil meines Jobs. Jeder Verein, der ein Jubiläum feiert, fragt nach dem Bürgermeister. Schon wenn „nur“ der Senator kommt, fühlen sich die Menschen unter Wert behandelt. Ich denke, dass man als der Bürgermeister dabei ist, ist man der Stadt auch schuldig.

Sie grüßen jeden, wenn man mit Ihnen durch die Stadt geht. . .
Ja, wenn ich das Gefühl habe, da erkennt mich jemand, dann sag ich auch freundlich guten Tag. Ich glaube, dass die Bürger einen Anspruch darauf haben, dass der Bürgermeister sie wahrnimmt. Das bringe ich damit zum Ausdruck.

Sie und Ihre SPD standen oft auf Kriegsfuß. Wie haben Sie sich von Ihrer Partei emanzipiert?
Dazu hat es nicht des Amtes bedurft. Ich bin 45 Jahre in der Politik und war dennoch immer ein eigenständiger Geist. Die Bevölkerung hat einen Anspruch darauf, dass ein Bürgermeister nicht der oberste Parteibuch-Vorleser ist.

Sie haben immer SPD gewählt, haben Sie mir erzählt. Haben Sie nie an Ihrer Partei gezweifelt?
Nein. Das Grundkonzept der SPD halte ich für richtig. Das gilt natürlich nicht für jede Einzelentscheidung; und: Man tritt auch nicht aus der Kirche aus, wenn einem mal der Pastor nicht gefällt.

Drei Mal haben die Lübecker Sie direkt gewählt. Ihr Geheimnis?
Es kommt darauf an, dass man in so einem Amt ein ganz normaler Bürger bleibt mit einer gewissen Bescheidenheit, dass man eine Haltung hat und dazu auch steht – und dass man sich nicht von jedem Gegenwind umpusten lässt.

Dabei standen Ihre Karten bei der ersten Bürgermeister-Wahl 2000 schlecht. Sie hatten eine Umfrage machen lassen, aber Sie haben die Umfrage nie veröffentlicht. Erzählen Sie uns die Geschichte jetzt?
Ich glaube, ich lag bei dieser Umfrage bei etwa 35 Prozent. Hans-Joachim Roll von der CDU bei 52 Prozent. Wir haben daraufhin alle Kräfte mobilisiert. Ich war von morgens bis abends auf der Straße unterwegs. Im ersten Wahlgang gab es ein Patt, im zweiten habe ich gewonnen. Aber das ist ja nur die eine Hälfte der Geschichte. . .

Und die andere?
Auf dem Parteitag meiner großartigen SPD hatte ich eine Gegenkandidatin. Und ich bin nur mit der Mehrheit von einer Stimme zum Bürgermeisterkandidaten nominiert worden – und das war meine eigene.

Interview: Josephine von Zastrow

 

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