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Lübeck Igitt, ihr Ferkel! Marienkirche wird zur öffentlichen Toilette
Lokales Lübeck Igitt, ihr Ferkel! Marienkirche wird zur öffentlichen Toilette
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12:59 20.06.2016
Die Marienkirche bietet Winkel, in denen Wildpinkler sich erleichtern. Über vier Wochen lang wurde das unerlaubte Urinieren dokumentiert. Das Ergebnis: Die Männer scheuten nicht einmal am helllichten Tag davor zurück, ihre Notdurft zu verrichten. Quelle: hfr

 „Völlig scham- und hemmungslos wird von früh bis spät in aller Öffentlichkeit uriniert – und leider nicht nur das“, heißt es in einem Schreiben des Lübeck Managements an Politik und Verwaltung. Der Marienkirchhof entwickele sich zur „absoluten Schmuddelecke“ der Innenstadt.

 

Es sei nicht nur respektlos, gegen ein Gotteshaus zu urinieren, heißt es in dem Schreiben, die Hinterlassenschaften würden auch zum Himmel stinken. Das Lübeck Management steht mit seiner Empörung nicht alleine. Die Tourismusgesellschaft LTM, die Entsorgungsbetriebe Lübeck (EBL), die Mariengemeinde und der Lübecker Innensenator empfinden die Vorgänge als ekelig. „Die Verunreinigung ist für Lübeck als beliebtes Reiseziel für Gäste aus dem In- und Ausland ein No-Go“, stellt LTM-Geschäftsführer Christian Martin Lukas klar. Innensenator Ludger Hinsen (CDU) spricht von einer „groben Rücksichtslosigkeit“. Für die Mitarbeiter der EBL, die den Marienkirchhof zwölf Mal in der Woche reinigen, sei dieses Verhalten eine Zumutung, erklärt Sprecherin Cornelia Tews. „Unsere Mitarbeiter ärgern sich, wenn sie die Hinterlassenschaft entfernen müssen.“

Das Thema sei nicht neu, und die Gemeinde verfolge das Geschehen schon lange macht- und ratlos, sagt Pastor Robert Pfeifer. Rund um die Marienkirche würden sich Männer erleichtern. Das sei aber bei anderen Innenstadtkirchen und alten Gebäuden genauso. Neu sei, dass Menschen das Thema jetzt ansprechen, erklärt Pfeifer. Das „Wildpinkeln“ wurde zudem erstmals von Nachbarn mit Fotos dokumentiert.

Das Problem: In dem Bereich gibt es keine öffentliche WC-Anlage, seit die Markttoiletten für den Hotelneubau Motel One abgerissen wurden. Motel One hat sich verpflichtet, seine Toiletten der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, eröffnet aber erst 2018. EBL und LTM weisen auf die „Netten Toiletten“ hin. Gegen einen Obolus der EBL lassen Gastronomen auch Menschen auf ihre Toiletten, die nichts verzehren. 34 solcher „Netten Toiletten“ gibt es in der Innenstadt, aber nur wenige in unmittelbarer Nähe der Fußgängerzone. „Offensichtlich ist die Zahl öffentlicher WCs nicht ausreichend“, sagt Pastor Pfeifer.

Innensenator Hinsen kündigt eine strengere Überwachung an und will auch Sozialarbeiter zu den Wildpinklern schicken. Hinsen: „Eine bloße Vertreibung von Randgruppen ist nicht sinnvoll.“ Wildpinkeln kann teuer werden, wenn die Täter erwischt werden. Nach Angaben der Stadt kostet das unerlaubte Urinieren zwischen 60 und 100 Euro. 2014 wurden 28 Männer erwischt, im vergangenen Jahr 30 und in diesem Jahr bislang zehn. Das Lübeck Management regt eine Video-Überwachung an. Und verweist auf eine Aktion in Hamburg namens „St. Pauli pinkelt zurück“. Gebäude wurden mit einer wasserabweisenden Farbe gestrichen.  

Kai Dordowsky

Dringender Handlungsbedarf

Kommentar zum Thema von Sven Wehde

St. Marien gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und ist mit dem höchsten Backsteingewölbe der Welt eine der Hauptattraktionen Lübecks. Wenn diese Kirche als Urinal missbraucht wird, besteht dringend Handlungsbedarf.

Natürlich kommen „Wildpinkler“ vor allem im Zuge von Straßenfesten überall mal vor. Aber hier geht es um eine Kirche und darum, dass diese regelmäßig und auch am helllichten Tag vor den Augen der Bürger zur Toilette wird. Widerlich.

Natürlich sind schärfere Kontrollen eine Möglichkeit, dagegen vorzugehen. Aber das wird nicht reichen. Denn das Problem ist, dass es derzeit weit und breit keine öffentlichen WCs mehr gibt. Die letzten am Markt mussten dem geplanten Hotelneubau weichen. Und wer jetzt am Markt oder in der Breiten Straße ein dringendes Bedürfnis hat, wird auch so schnell keine „Nette Toilette“ finden. Ganz abgesehen davon, dass ein Großteil der Klientel, die sich an dem Gotteshaus erleichtert, Menschen sind, die nicht die „Nette Toilette“ in Restaurants nutzen. Ganz klar: Die Altstadt braucht ein vernünftig ausgeschildertes öffentliches WC.

 

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