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13:57 04.08.2017
Jeden Donnerstag bekommt Vogten seinen Dienstplan für eine Woche. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck

Ein gepflegtes Äußeres, Anzug, Krawatte, edle Armbanduhr: Der 56-jährige Fahrer der Hansestadt Lübeck weiß, was sich gehört, ist für jeden Anlass passend gekleidet. Ein Mann, der sich in Zurückhaltung übt, wenn er mit Bürgermeister Bernd Saxe, Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer oder Gästen der Hansestadt im dunklen Audi quattro zu Terminen fährt.

Vieles hat ihn sein Vater Wolfgang gelehrt: „Mund halten, pünktlich sein, zu gegebener Zeit aber auch den Mund aufmachen.“

Denn Vogten senior war Fahrer von Bürgermeister Michael Bouteiller, als sich sein Sohn 1992 auf die frei werdende Stelle des Fahrers von Stadtpräsident Peter Oertling bewarb. Damals gab es noch zwei Chauffeure. „Dann bekam mein Vater einen Herzinfarkt“, erzählt der 56-Jährige mit der praktischen Frisur, „der andere Kollege ging in Pension.“ So übernahm Thomas Vogten beide Jobs.

Vor seiner ersten Dienstfahrt am 6. August 1992 – es ging nach Kiel – sei er „ziemlich nervös“ gewesen, „denn ich wusste ja nicht, ob ich das schaffe“, gesteht Vogten. Bis dato hatte er das Autofahren als großes Hobby geliebt, und nun musste er plötzlich wertvolle „Fracht“ in die Landeshauptstadt bringen: den damaligen Bürgermeister Michael Bouteiller, Finanzsenator Gerd Rischau und Stadtpräsident Peter Oertling. Seine Ängste waren unbegründet, „denn die drei haben mich so toll unterstützt, dass alles super lief“. In den vergangenen 25 Jahren ist Vogten im Dienste der Stadt ziemlich weit herumgekommen. Oft, soviel ist klar, ging es nach Kiel, aber auch nach Hamburg oder Berlin, nach Görlitz, in die niederländische Hauptstadt Den Haag oder zu den westfälischen Hansetagen.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Jeden Donnerstag bekommt Vogten seinen Dienstplan für eine Woche. „Oft kommen natürlich noch kurzfristig Fahrten hinzu.“ Seine Arbeitszeit besteht oft aus Warten, doch das scheint den Fahrer aus Leidenschaft nicht zu stören. Bei einigen Veranstaltungen unterhält er sich mit den Kollegen. „Sonst spricht Herr Saxe das mit mir ab, und ich kann zwischendrin machen, was ich möchte.“ Überhaupt sei die Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister sehr entspannt und gut. Vogten: „Als Herr Saxe kurz vor Weihnachten gesagt hat, dass er nicht noch einmal kandidiert, war mir ganz komisch.“

Vogten scheint mit allen gut klarzukommen. Mit Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer, mit deren Vorgänger Peter Sünnenwold – „wir haben immer viel gelacht“–, und selbstverständlich mit Saxes Vorgänger Michael Bouteiller. Richtig ins Schwärmen gerät er aber, wenn er über Sünnenwolds Vorgänger Peter Oertling spricht. „Wir sind heute noch befreundet, er war wie ein Vater für mich.“ Und auch die einstige stellvertretende Stadtpräsidentin Charlotte Harnack, inzwischen 95 Jahre alt, „war ’ne Wucht“, wie Vogten erzählt. Vor vielen Jahren, als es zu einer Veranstaltung nach Kiel ging und er mit den anderen Fahrern warten musste, „brachte sie mir auf einem Teller Essen raus. Da haben mich alle Kollegen beneidet.“

Thomas Vogten liebt seinen Beruf – nicht nur, weil er so gern Auto fährt: „Man kriegt viel zu sehen, lernt nette Leute kennen und erlebt Sachen, die man sonst nie erleben würde.“ Kann man so sagen, denn als Vogten Bernd Saxe vor einigen Jahren vom Hamburger Flughafen abholte, hatte der im Flieger Mario Adorf getroffen, den sie im Dienstwagen mit nach Lübeck nahmen. Schriftstellerin Christa Wolf brachte Vogten 2010 nach Berlin. „Als ich nachts nach Lübeck zurückfahren wollte, hat sie mir erst einmal Schinkenbrot und Tee gemacht, damit ich gestärkt nach Hause fahre.“ Sie sei „eine tolle, herzensgute“ Frau gewesen. Ein Exemplar von „Kindheitsmuster“ samt Widmung sowie ein Brief von Christa Wolf erinnern ihn an jene Begebenheit. Auch Günter Grass zeigte sich dankbar, als Vogten ihn 2007 nach Behlendorf brachte. „Ich sollte unbedingt mit ins Haus kommen“, erzählt Vogten, der prompt das persönliche Leseexemplar von „Mein Jahrhundert“ samt Widmung als Geschenk mit nach Lübeck bekam.

In all den Jahren und auf 950000 Kilometern gab es – das lässt sich kaum vermeiden – die eine oder andere brenzlige Situation, doch Vogten und seine „Fracht“ hatten wohl immer einen Schutzengel an ihrer Seite. Als er sich auf dem Weg zu einem Termin in Bad Segeberg eine dicke Spackschraube in den Reifen fuhr und es nicht weiterging, sei Bürgermeister Saxe „im Gegensatz zu mir“ ganz ruhig geblieben und habe gesagt, das sei nun mal nicht zu ändern.

Ja, gern hätte Vogten noch weitere Jahre mit dem Bürgermeister zusammen gearbeitet. Nun bekommt er „irgendwen“ als Chef. Oder als Chefin. Schon jetzt denkt er darüber nach, ob er nicht als Rentner auch noch – dann vertretungsweise – für die Hansestadt chauffiert: Weil’s einfach sein Ding ist.

Sabine Risch

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