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Lübeck In die Altstadt sollen weniger Autos
Lokales Lübeck In die Altstadt sollen weniger Autos
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20:44 03.02.2018
Norbert Hochgürtel (l.) und Jörn Simonsen, Vorstandsmitglieder des Architekturforums, stehen in einem Geschäftshaus mit Blick auf die Beckergrube. Quelle: Fotos: Lutz Roessler

Die Architekten, Stadtplaner und Ingenieure haben zahlreiche Daten zum Altstadt-Verkehr zusammengetragen, sind Wege abgelaufen, haben Zählungen vorgenommen, sind tief in die Geschichte der Verkehrsberuhigung in Lübeck eingestiegen und haben sich in anderen Städten umgeschaut. Herausgekommen ist ein fast 100 Seiten starkes Werk, das die anstehende, große Debatte in einer Perspektivenwerkstatt mit Impulsen versehen soll.

Und ein Werk, das es in sich hat: So fordert das Forum, dass der Durchgangsverkehr durch die Altstadt unterbunden wird. „Über 50 Prozent der Fahrzeuge sind in die Altstadt gefahren, um diese auf direktem Wege wieder zu verlassen“, stellen die Autoren fest. „Das heißt, dass die Nutzer dieser Fahrzeuge weder in der Altstadt eingekauft noch Kultureinrichtungen oder Behörden und Ärzte besucht haben.“ Der Durchgangsverkehr bringe auch den Autofahrern wenig. Hochgürtel: „Zu Stoßzeiten kommen die Autofahrer nicht voran, ist ihnen das nicht klar?“ Die Anregung: „Unterbinden der offenen Durchfahrten – insbesondere durch das Burgtor zur Beckergrube.“ Das Forum kritisiert auch, dass der Autoverkehr selbst in verkehrsberuhigten Bereichen wie der Königstraße munter fließt. Hochgürtel:

„Wahnsinn, wer hier alles durchfährt.“ Das Ziel: Geltende Durchfahrtsbeschränkungen ernsthaft kontrollieren.

In der Altstadt gelten bis zu sechs verschiedene Tempobegrenzungen. Aus Sicht des Forums fließt der Verkehr aber zu schnell. Das Forum will Geschwindigkeiten zwischen sieben und 20 Kilometer pro Stunde. Und eine bauliche Umgestaltung breiter Pisten wie der Beckergrube. Die biete überhaupt keine Aufenthaltsqualität, kritisieren die Autoren. Dort gebe es 40 Verkehrsschilder, aber nicht eine Sitzgelegenheit für Passanten. Simonsen schlägt vor: „Man könnte jeden Monat einen Stellplatz entfernen.“ Auch die Mühlenstraße sei nicht besser: 98 Verkehrsschilder, keine Sitzgelegenheiten. Die Königstraße braucht sogar 157 Verkehrsschilder bei gerade einmal fünf Sitzgelegenheiten. Am Koberg sei der Schilderwald besonders beeindruckend, sagt Hochgürtel: „Lübeck lässt Autofahrer hineinfahren, um sie dann dutzendfach zu beschränken.“

Mit 800 Metern Breite sei die Altstadt eigentlich ideal für Fußgänger. Der Anteil der Fußgänger an allen Verkehrsteilnehmern sei auch relativ hoch, wissen die Architekten. Aber die würden schlecht behandelt. Wer vom Bahnhof Richtung Altstadt gehe, müsse ständig an Ampeln stehenbleiben. Wer vom Holstentor weg will, müsse lange warten, während die Autos vorbeirauschen. Die Wahmstraße sei streckenweise gefährlich für Fußgänger. Wer zu Fuß von der Unter- zur Obertrave wolle, müsse drei Mal die Straßen queren. Am Kohlmarkt betrage die längste gemessene Wartezeit an der Ampel fast zwei Minuten.

Die Autoren der Broschüre sparen nichts aus – der Parksuchverkehr ist genauso Thema wie das Anwohnerparken oder der Busverkehr. Die großen Gelenkbusse würde das Forum gerne aus der Altstadt verbannen. Doch der Stadtverkehr verhalte sich in dieser Frage sehr unbeweglich. Simonsen: „Das ist das dickste Brett, das gebohrt werden muss.“

Bewusst vermeiden die Architekten das „polarisierende Wort autofrei“. Hochgürtel: „Wer autofrei sagt, hat alle Autofahrer gegen sich.“ Das Forum plädiert dafür, „die machbare Umgestaltung anzugehen“.

Hochgürtel: „Die Stadt könnte den Schilderwahnsinn am Koberg beseitigen, den Verkehr in der Königstraße kontrollieren und die Holstenstraße fußgängerfreundlicher gestalten.“ Trotzdem geht es bei der ganzen Debatte um mehr. Nämlich um eine Haltung und eine Vision von einer Altstadt der Zukunft. Mit der jetzigen Verkehrsberuhigung will sich das Forum nicht zufriedengeben und verweist auf eine Reihe von Städten in Europa, die beim modernen Verkehrsmix viel weiter sind als Lübeck. Und am Schluss der Broschüre offenbaren die Architekten auch Visionen. „2025 ist der Durchgangsverkehr raus, keiner parkt mehr an der Marienkirche, und die Lübecker Altstadt hat die höchste Car-Sharing-Quote der Republik.“

Die Broschüre „Lübeck wohin?“ kann für fünf Euro in den Buchhandlungen Makulatur in der Hüxstraße und Buchfink in der Ratzeburger Allee gekauft werden. Verteilt wurde das Werk an die Bürgerschaft, die Stadtplanung, das Lübeck Management, die Initiative Birl, den ADFC und Stattauto.

In Zahlen

53 Prozent der Lübecker fahren mit dem Auto zur Arbeit. In Kopenhagen radeln 62 Prozent zur Arbeit.

29 Prozent aller Autofahrten finden auf Strecken von unter drei Kilometern statt.

421 öffentliche Parkplätze gibt es entlang einiger Altstadtstraßen. 3555 Stellplätze zählen die Parkhäuser und Großparkplätze.

37 Prozent der Altstadtbewohner besitzen ein Auto – genau so viele wie in Moisling.

Fußgänger verbringen auf der Strecke von der MuK bis zur Breiten Straße 21 Prozent mit Warten vor Ampeln. Vom Hauptbahnhof bis zur Holstenstraße werden 39 Prozent der Gehzeit von neun Minuten vor Ampeln verbracht.

 Kai Dordowsky

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