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Lübeck Inklusion in Schulen: Vor allem Jungen brauchen Hilfe
Lokales Lübeck Inklusion in Schulen: Vor allem Jungen brauchen Hilfe
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20:34 02.06.2017

Die städtische Jugendhilfeplanerin Petra Albrecht spricht es ganz offen aus: „Wir brauchen eine andere Jungen-Pädagogik in Kitas und Schulen.“ Denn die Jungen stellen mit 78 Prozent die übergroße Mehrheit der Kinder, die Hilfe von Schulbetreuern brauchen. Es sind die Jungen, die massiv den Unterricht stören und die sozial-emotionale Beeinträchtigungen vorweisen. Das belegt der neueste Bericht zum Schulhelfer-Pool, den die Hansestadt vor vier Jahren startete. Und die Zahl der auffälligen Jungen, die die Hilfe der Betreuer brauchen, steigt. Beim letzten Bericht zum Inklusions-Pool stellten die Jungen noch 72 Prozent. In den sozialen Gruppen, die in den Schulen für besonders problematische Kinder eingerichtet wurden, machen die Jungen sogar 87 Prozent aus.

„Schulen wollen lieber einen Mann als eine Fachkraft.Lutz Regenberg, Vorwerker Diakonie

„Der erhöhte Förderbedarf von Jungen zeichnet sich bereits in den Kitas ab“, so die Autorinnen des neuesten Berichts. Sie vermuten, „dass der hohe weibliche Anteil beim erzieherischen Personal in Kitas und Schulen mit dazu beiträgt, ,typisches Jungenverhalten‘ schneller als ,auffällig und förderbedürftig‘ zu etikettieren.“ Mit anderen Worten: Die Jungen sind zumeist die, die den Unterricht sprengen, aber ihr Verhalten wird auch allzu schnell als schwierig abgestempelt.

Die Arbeit der Schulhelfer ist vor allem in den ersten Schuljahren gefragt. 63 Prozent der 3875 Helferstunden, die in diesem Schuljahr auf 48 Schulen verteilt wurden, gingen an die Grundschulen, 34 Prozent an weiterführende Schulen und drei Prozent an Berufsschulen. Fast 1,8 Millionen Euro bringen Stadt und Land dafür auf, dass möglichst alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden können. 232 Integrationshelfer sind an den Schulen tätig. Die Zahl der Fachkräfte – also Erzieherinnen und sozialpädagogische Assistenten – ist kräftig gestiegen – von 42 auf 54 Prozent. Die Zahl der sogenannten sozial erfahrenen Personen, die ohne fachliche Ausbildung, aber mit Erfahrung in der Schulbegleitung tätig sind, ist entsprechend gesunken. Die Anzahl der Fachkräfte unter den Schulhelfern ist stadtweit sehr unterschiedlich. In Buntekuh werden viele Erzieherinnen und sozialpädagogische Assistenten eingesetzt, während von den Kücknitzer Schulen „weniger der Ruf nach mehr Fachlichkeit als vermehrt nach mehr männlichen Helfern erfolgte – unter anderem, um so verhaltensauffälligen und zur Aggression neigenden Jungen begegnen zu können“, heißt es in dem Bericht. Lutz Regenberg von der Vorwerker Diakonie: „Schulen wollen lieber einen Mann als eine Fachkraft, vor allem an den Grundschulen.“

Der Bedarf an Helferstunden pro Schule wird seit diesem Schuljahr anders berechnet als früher. Höhere Bedarfe wurden für die Grund- und Gemeinschaftsschule St. Jürgen, die Albert-Schweitzer-Schule, die Baltic-Schule, die Heinrich- Mann-Schule und die Julius-Leber-Schule ausgerechnet. Andere, wie die Geschwister-Prenski-Schule, die Kaland-Schule und die Paul-Klee-Schule, bekamen zum Teil deutlich weniger Stunden, was auch öffentlich kritisiert wurde.

Trotzdem bezeichnet Bildungssenatorin Kathrin Weiher (parteilos) den Schulhelfer-Pool als eine Lübecker Erfolgsgeschichte, die ihre Vorgängerin Annette Borns (SPD) angeschoben hat. „Wir bekommen ein positives Echo weit über Lübecks Grenzen hinaus“, erklärt Weiher. Die Autorinnen des neuesten Berichts erklären, dass Eltern, Schulen und die Träger wie Awo oder Malteser, bei denen die Helfer angestellt sind, zufrieden seien. Das sei keine Selbstverständlichkeit, betont Detlev Wulff vom Paritätischen Wohlfahrtsverband: „Es gibt Landesregierungen, die über die Inklusion gestolpert sind.“

Und weil das Pool-Modell so gut läuft, wird aus dem zeitlich befristeten Projekt ein dauerhaftes Angebot. „Der Pool bleibt“, verkünden Senatorin Weiher und die Bereichsleiterin Renate Junghans.

Start war 2011

Am Anfang stand ein Feldversuch in drei Schulen, vor vier Jahren wurde der Schulhelfer-Pool flächendeckend in ganz Lübeck organisiert.

Die Idee dahinter: Nicht mehr jede Familie beantragt einen Schulhelfer für ihr Kind, sondern die Schule setzt die Helfer ein. Die können dann mehrere Kinder betreuen, die Schule kann flexibler auf Bedarfe reagieren, die Eltern müssen keine umständlichen bürokratischen Prozeduren mehr durchlaufen, und die Helfer erhalten gesichertere Anstellungen.

Die Stadt wurde in zwölf Sozialräume aufgeteilt. In jedem ist ein Wohlfahrtsverband als Ansprechpartner und Arbeitgeber tätig. Sieben Verbände teilen sich die Hansestadt.

Kai Dordowsky

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