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Lübeck Innenstadt hat 100 Geschäfte verloren
Lokales Lübeck Innenstadt hat 100 Geschäfte verloren
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15:54 20.11.2018
Roland Schuhe, eine Deichmann-Tochter, war seit 2003 in der Breiten Straße vertreten. Der Filialist hat den Mietvertrag nicht verlängert. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte in der Innenstadt von 644 auf 544 verringert. Gleichzeitig stieg die Zahl der Läden auf der Grünen Wiese um knapp 125 Prozent. Die Stadtplanung rät deshalb in ihrem aktuellen Einzelhandelsmonitor, keine weiteren Ansiedlungen von Einzelhandel auf der Grünen Wiese mehr zuzulassen. Das Lübeck Management und der Handelsverband Nord fordern „klare Signale“ zur Stärkung der Innenstadt.

Nach einer Auswertung der Stadtverwaltung ist die Verkaufsfläche in der Innenstadt seit 2009 um 15 Prozent geschrumpft, während sie sich an den überregionalen Standorten Citti-Park und Luv-Center mehr als verdoppelt hat. Die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte in der Innenstadt ging laut Erhebung von 644 auf 544 zurück, während sich die Zahl der Geschäfte bei Citti und Luv zusammen von 57 auf 128 mehr als verdoppelte.

Olivia Kempke vom Lübeck Management fordert ein klares Signal der Verantwortlichen. Quelle: Lutz Roeßler

Besonders betroffen sind Bekleidungsgeschäfte. Die Innenstadt verlor elf Geschäfte für Oberbekleidung seit 2009 und 13 für Wäsche, Strümpfe und sonstige Bekleidung. Namhafte Abgänge waren laut Verwaltung Rieckmann in der Sandstraße mit 1000 Quadratmetern Verkaufsfläche und Olymp & Hades in der Königpassage (1000 Quadratmeter). Weitere Veränderungen wie die Aufgabe von H & M sowie Schuh Bode im Haerder Center und die Schließung von Roland Schuhe in der Breiten Straße seien dabei noch gar nicht berücksichtigt, sagt die Verwaltung.

Prof. Frank Schwartze von der Technischen Hochschule Lübeck sieht die Innenstadt in einem Dreikampf. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Die Analyse der Verwaltung deckt sich mit den Erkenntnissen der Wirtschaftsförderung. In der Königpassage und im C & A-Gebäude würden Flächen für den Einzelhandel verschwinden, das Pressezentrum in der Breiten Straße schließe 2019, erklärt die Wirtschaftsförderung, die Lübeck mit ähnlich großen Städten wie Freiburg, Kiel, Rostock und Mainz vergleicht. „In keiner dieser genannten Städte ist die Einzelhandelsfläche der Innenstadt so gering wie in Lübeck“, erklärt Dirk Gerdes, Chef der Wirtschaftsförderung.

Konkurrent Online-Handel

523 Milliarden Euro werden in diesem Jahr im deutschen Einzelhandel umgesetzt. Nach Angaben des Handelsverbands Nord werden gut zehn Prozent der Umsätze online getätigt. „Der Online-Handel ist ein Brandbeschleuniger“, stellt Dierk Böckenholt vom Verband fest, aber nicht der Hauptgrund für die Schwierigkeiten des innerstädtischen Einzelhandels in Lübeck. „Wir sind in einem Dreikampf: Die Innenstadt, die dezentralen Standorte und der Online-Handel“, sagt Prof. Frank Schwartze von der Technischen Hochschule, aber das digitale Einkaufen mache dem Handel auf der Grünen Wiese genauso zu schaffen. Das bestätigt Olivia Kempke vom Lübeck Management: „Auch gut funktionierende Innenstädte wie Lüneburg und Münster kämpfen mit dem Onlinehandel, haben aber nicht die massive Ausweitung von Flächen an der Peripherie.“

„Diese Entwicklung war vorhersehbar“, sagt Dierk Böckenholt, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Nord, „die Umsatzentwicklung zu Lasten der Innenstadt gehört zur Wahrheit.“ In ganz Deutschland sei die Verkaufsfläche auf der Grünen Wiese massiv gestiegen. Zugleich würden die Menschen heute weniger Geld für Einzelhandel und mehr für Freizeit, Urlaub oder Energiekosten ausgeben. Böckenholt empfiehlt der Hansestadt ein mehrjähriges Moratorium nach dem Vorbild Flensburgs – also einen Zeitraum, in dem auf der Grünen Wiese keine neuen Läden für Bekleidung, Schuhe oder Sportartikel zugelassen werden.

50 Vertreter verschiedener Geschäfte und Branchen in der Innenstadt, die sich im Vorfeld der Planungswerkstatt Altstadt getroffen haben, fordern ein „klares Signal für die Stärkung der Innenstadt“. Olivia Kempke, Geschäftsführerin des Lübeck Managements: „Wir brauchen die Aussage der Verantwortlichen, dass andere Standorte als die Innenstadt aktuell nicht gestärkt werden.“ Das empfiehlt auch die Verwaltung: keine weitere Zunahme von zentrenrelevantem Einzelhandel auf der Grünen Wiese. Das gelte dann auch für den ehemaligen Schlachthof, wo Kaufland einen großen Vollsortimenter errichten will.

Die Politiker, die das entscheiden müssen, diskutieren noch über den Stopp für die Grüne Wiese. „Dass die Innenstadt nur 19 Prozent der Verkaufsfläche hat, hat mir sehr zu denken gegeben“, sagt Ulrich Krause (CDU). „Ich bin besorgt über den Zustand der Innenstadt“, bekennt Axel Flasbarth (SPD), „wir müssen die Empfehlungen der Verwaltung ernst nehmen.“ Eine Position haben die großen Fraktionen noch nicht. „Wir lehnen jede weitere Ausweitung auf der Grünen Wiese komplett ab“, erklärt Thorsten Fürter (Grüne). „Wir wollen keine weitere Ausweitung der Grünen Wiese, da die Innenstadt extrem darunter leidet“, sagt Heike Wiechmann (Unabhängige). Weder Wirtschafts- noch Bauausschuss haben dazu eine Entscheidung getroffen. Die soll in der Bürgerschaft Ende des Monats kommen.

Kai Dordowsky

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