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Lübeck Insolventer Hafenbetriebsverein: Wie viele Leute müssen gehen?
Lokales Lübeck Insolventer Hafenbetriebsverein: Wie viele Leute müssen gehen?
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20:49 09.06.2016
„Grund für die Insolvenz des Hafenbetriebsvereins ist der Rückgang der Ladung“, sagt Geschäftsführer Stefan Höppner Quelle: Ulf-Kersten Neelsen/LN-Archiv

Die Zeit drängt. Der insolvente Hafenbetriebsverein (HBV) steht auf der Kippe. Derzeit sind dort 153 Mitarbeiter beschäftigt – fast ein Drittel zu viel. Zwar haben zurzeit alle zu tun. Aber das ändert sich ab 1. Juli. Dann verliert der Lübecker Hafen wieder Ladung. Die Papierkunden SCA und Iggesund der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG) bleiben zwar noch am Schlutupkai, fahren aber ihr Geschäft herunter. Ab 1. Oktober wechseln sie ganz in den Konkurrenzhafen Kiel. Das erklärt HBV-Geschäftsführer Stefan Höppner auf LN-Anfrage „Wir haben 53 Leute im Überhang“, gibt Höppner zu. Eine Zahl, die so schon im gescheiterten Zukunftspakt für den Hafen stand. Der sah unter anderem vor, dass 53 Mitarbeiter des HBV freiwillig mit einer Abfindung gehen sollten. Die restlichen 90 bis 100 Mitarbeiter wären in die LHG gewechselt. Insider bezeichnen den Zukunftspakt auch als „Rettungsaktion für den HBV“. Schon Anfang des Jahres kursierten erste Gerüchte, dass der HBV von der Insolvenz bedroht sei, sollte der Zukunftspakt nicht zustande kommen. Er scheiterte Ende Februar, weil die Arbeitnehmerseite nicht zustimmte. Ihr waren die Einschnitte für die Beschäftigten zu hoch. Bis Ende 2019 hätten von 900 Mitarbeitern bei LHG und HBV immerhin 127 Leute ihren Job verloren. Zudem sollten sie auf Lohn verzichten und flexibler arbeiten. Daher senkten sie die Daumen.

Jetzt ist der HBV insolvent. „Grund dafür ist der Rückgang der Ladung“, sagt Höppner. Als UPM als Großkunde der LHG im vergangenen Jahr von Lübeck nach Rostock wechselte, hat der HBV bereits 25 Leute verloren. 17 wurden weitergebildet und an den Gesamthafenbetrieb Hamburg vermittelt. Die anderen mussten so gehen. „Damals waren wir sicher, dass wir es schaffen“, sagt Höppner. Aber als dann die beiden Papierkunden ankündigten, nach Kiel zu wechseln, war die Zuversicht dahin. Ein Wirtschaftsprüfer untersuchte den HBV – und attestierte dem Verein, dass er keine Zukunft mehr habe.

Denn das Konstrukt des HBV geht nicht mehr auf. Da sind sich alle einig. Ursprünglich sollten die HBV-Mitarbeiter Arbeitsspitzen im Hafen abpuffern. Doch die LHG ist seit Jahren einziger Kunde, nimmt 98 Prozent der Leute ab. „Das hat sich in den letzten 20 Jahren langsam so entwickelt“, sagt Höppner. Der HBV hat jahrelang für jeden Arbeiter 75 Prozent auf den Lohn aufgeschlagen und der LHG in Rechnung gestellt, um seine Kosten zu decken. Seit Herbst ist die Umlage fast alle zwei Monate erhöht worden und beträgt nun 140 Prozent. Eine weitere Erhöhung wollte die LHG nicht mehr bezahlen. Verständnis dafür hat Grünen-Fraktionschefin Michelle Akyurt: „Die LHG hat auch ihre Baustellen.“ Die Gesellschaft müsse selbst die Personalkosten in den Griff bekommen, damit der Hafen wieder wettbewerbsfähig werde. „Die Insolvenz des HBV ist ein fatales Signal. Dem Lübecker Hafen geht es schlecht“, sagt CDU-Fraktionsvize Lars Rottloff. „Wie will die LHG da um neue Kunden werben?“

SPD-Fraktionschef Jan Lindenau hingegen will wissen: „Wie kann es zur Insolvenz kommen, wenn die Mitglieder des Vereins die Kosten tragen müssen?“ So stehe es in der Satzung des Vereins, der heute neben der LHG noch neun weitere Mitglieder zählt. Lindenau übernimmt damit die Auffassung der Arbeitnehmer, die irritiert sind über den Insolvenzantrag.

Doch: „Nach erster Einschätzung ist die Insolvenz rechtens“, sagt Insolvenzverwalter Klaus Pannen auf LN-Anfrage. Immerhin: Es gibt einen Sicherungsfonds in Höhe von 4,9 Millionen Euro für die Hafenarbeiter. Wenn sie ihren Job verlieren, muss die Stadt sie einstellen – wenn es freie Stellen gibt. Wenn nicht, gibt es Geld für eine Qualifizierung, damit sie woanders einen Arbeitsplatz finden können. In dem Topf sind je 1,75 Millionen Euro für LHG und HBV reserviert. Der Rest wird nach Bedarf verteilt. Die Krux: Der HBV hat die Arbeitnehmersicherung unterschriebenn, die LHG indes nicht.

Dagegen hatte sich der private LHG-Mitgesellschafter Rreef gewehrt.

Der HBV

1998 entstand der Hafenbetriebsverein (HBV) in der heutigen Form. Es ist ein Verein, der derzeit von neun Mitgliedern getragen wird – wie der Reederei Stena Line und der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG). Früher war auch die Reederei Finnlines Mitglied sowie der private Hafenbetreiber Hans Lehmann KG. Geschäftsführer Stefan Höppner ist seit 1999 Geschäftsführer des HBV. In der Spitze hatte er 279 Mitarbeiter.

 Josephine von Zastrow

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