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Ist das Weihnachtsmärchen für Kinder zu brutal?

Lübeck Ist das Weihnachtsmärchen für Kinder zu brutal?

Viele Eltern beschweren sich, „Pinocchio“ am Theater Lübeck sei nicht „kindgerecht“ — Für andere widerum trifft es den Nerv der Zeit. Der Schauspielchef ist von den Reaktionen überrascht.

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Zu brutal oder genau richtig für die heutige Zeit? Am diesjährigen Weihnachtsmärchen „Pinocchio“, das am Theater Lübeck aufgeführt wird, scheiden sich die Geister.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler, Hannes Lintschnig (2), Theater Lübeck

Innenstadt. Abgeschlagene Hände, ein echter Sarg, Clowns mit blutigen Zähnen: Viele Eltern finden das diesjährige Weihnachtsmärchen „Pinocchio“ am Theater Lübeck zu brutal.

„Es ist grausam, es ist schrecklich. Die Altersfreigabe muss unbedingt hochgesetzt werden“, sagt Martin Scheil, der die Aufführung, die für Sechs- bis Zwölfjährige gedacht ist, mit seiner Frau und ihrer sechsjährigen Nichte gesehen hat. „Viele Kinder haben während der Vorstellung geweint, Dutzende haben das Theater frühzeitig verlassen. Für Erwachsene ist es vielleicht okay. Aber es ist nicht kindgerecht.“

Zu brutal oder genau richtig für die heutige Zeit? Am diesjährigen Weihnachtsmärchen „Pinocchio“, das am Theater Lübeck aufgeführt wird, scheiden sich die Geister.

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„Kindgerecht“ bezeichnet Pit Holzwarth, Schauspielchef am Theater Lübeck, als Unwort. „Wir wollen die Kinder mit dem Stück nicht unterfordern“, sagt Holzwarth, der „Pinocchio“ inszeniert hat. „Ich möchte den Kindern eine zauberhafte Welt zeigen. Und Konflikte, die darin bearbeitet werden, sind realistisch und gehören dazu.“ Denn „Pinocchio“ werde in dem Stück durch die zum Teil schlimmen Erlebnisse nicht geschädigt, sondern finde selbstbewusst zu einer Identität. Außerdem sei sowohl in Carlo Collodis Roman „Die Abenteuer des Pinocchio“ als auch in sehr vielen Märchen Grausamkeit enthalten. „Manche Eltern wünschen ihren Kindern eine Welt, die heil und frei von Gewalt ist. Mein Anspruch ist, dass Kinder etwas von der Aufführung mitnehmen.“

Und nicht alle Kinder weinen bei der Aufführung, im Gegenteil. Nach den gestrigen Vorstellungen fallen die Kommentare überwiegend positiv aus. „Ich fand das Stück echt toll“, sagt Emma Steinig aus Dahme. „Ich hab richtig viel gelacht. Am besten war der Beatboxer.“ Mit der Meinung ist die Neunjährige nicht allein. „Ich fand es überhaupt nicht gruselig, sondern richtig witzig“, sagt Philipp Memmert (11) aus Lübeck. „Zum Glück war das ein modernes Stück und nicht so ein alter Schinken“, sagt ein Sechstklässler des Trave-Gymnasiums. Seine Lehrerin Saskia Timmermann findet, dass sich die Inszenierung für Kinder eignet. „Ich finde es zum Teil überzogen“, sagt die 29-Jährige. „Aber es ist für Kinder genau richtig.“

Doch viele Eltern stellen sich unter einem Weihnachtsmärchen etwas anderes vor. „Die meisten Kinder haben kaum reagiert, sie konnten das Stück gar nicht verstehen“, sagt gestern eine Zuschauerin, der es ebenfalls nicht gefallen hat. „Es ist an einigen Stellen sexistisch und grausam. Ein Weihnachtsmärchen für Kinder ist für mich etwas anderes.“ In dem Buch, in das Besucher ihre Eindrücke schreiben können, seien die meisten Einträge negativ. „Ein Weihnachtsmärchen soll Kinder unterhalten und belustigen — und nicht zum Weinen bringen“, fasst Martin Scheil zusammen.

Pit Holzwarth, der von den Reaktionen überrascht ist, sieht das anders. „Es kann schon passieren, dass Kinder dabei weinen müssen. Das finde ich nicht schlimm“, sagt Holzwarth, der Pädagogik studiert hat. „Man muss mit Kindern über ihre Ängste sprechen. Außerdem sind die meisten Kinder von dem Stück begeistert.“ Er selbst habe bisher sechs Vorstellungen gesehen, in denen keiner frühzeitig gegangen sei, die Kinder sogar Zugabe gerufen hätten.

Lisbeth Nehlsen, Grundschullehrerin aus Fehmarn, ist nicht nur von der künstlerischen Performance begeistert. „Es trifft den Nerv der Zeit“, sagt die 52-Jährige. „Die Kinder wachsen schließlich modern auf. Die Inszenierung trägt dem Kindsein heutzutage Rechnung.“

Aufführungen für Familien gibt es am Sonntag, 20. Dezember (11 und 14 Uhr), Sonntag, 27. Dezember (11 Uhr) und für Schulklassen morgen (9 und 11.30 Uhr) und Donnerstag (10 Uhr).

Hannes Lintschnig

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