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Lübeck JVA-Geiselnehmer: „Ich weiß bis heute nicht, warum ich das getan habe“
Lokales Lübeck JVA-Geiselnehmer: „Ich weiß bis heute nicht, warum ich das getan habe“
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08:48 21.04.2016
Alexej S. muss für mehr als sechs Jahre ins Gefängnis. Seine Verteidigerin Kerstin Raber findet das Urteil „nicht zutreffend“. Quelle: Fotos: Dpa, Maxwitat (2)

Vor dem Urteil hat Alexej S. (23) ein letztes Mal die Gelegenheit, sich zu den Vorfällen an Heiligabend 2014 zu äußern. „Ich weiß bis heute nicht, warum ich das getan habe.“ Er wird zu sechs Jahren und acht Monaten Haft verurteilt — wegen Geiselnahme, versuchten Raubes, Gefangenenmeuterei und Widerstands gegen Vollzugsbeamte. Nach einem halben Jahr ist der aufsehenerregende JVA-Prozess damit beendet.

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Akribisch hat das Landgericht die Geiselnahme rekonstruiert — Der 23-jährige Haupttäter muss für mehr als sechs Jahre ins Gefängnis — Die Verteidiger finden die Urteile zu hart.

Allerdings wird wohl vieles innerhalb der Zelle im Dunkeln bleiben. Richter Kai Schröder: „Bedauerlicherweise kann kaum Konkretes berichtet werden.“ Die Angeklagten verweisen auf ihren Alkoholrausch „oder haben Geschichten erzählt, die wir nicht glauben“. Deshalb sei das Gericht vor allem dem Opfer Rene K. gefolgt. Demnach hatten Alexej S. und Eugenijus F. den Beamten überrumpelt, der 38-Jährige täuschte dafür einen epileptischen Anfall vor. Gintaras A. (51) und Kahaberi A. (25) halfen oder standen Schmiere.

An der Geiselnahme seien die drei aber nicht beteiligt gewesen. Eugenijus F. muss wegen versuchten Raubes und Gefangenenmeuterei für zwei Jahre und neun Monate in Haft. Gintaras A. und Kahaberi A.

werden lediglich wegen Beihilfe zu einem Jahr und neun Monaten beziehungsweise eineinhalb Jahren verurteilt.

In ihrem Plädoyer verweist Alexej S.s Verteidigerin Kerstin Raber noch auf Weihnachten als „sehr emotionale Zeit“. Ihr Mandant habe nach Hause zu seiner Familie gewollt, „ohne Blick auf die Konsequenzen“. Ihre Forderung von maximal drei Jahren Haft bleiben ungehört. F.s Anwalt Jan Kürschner beantragt einen Freispruch, im Falle einer Verurteilung wegen Gefangenenmeuterei jedoch höchstens eineinhalb Jahre. Frank-Eckhard Brand, Verteidiger von Gintaras A., bittet „um ein mildes Urteil“ — allerdings „weit unter“ den von der Staatsanwaltschaft geforderten zwei Jahren ohne Bewährung.

Kahaberi A.s Anwalt Oliver Dedow spricht ebenfalls von Freispruch.

Umso erstaunter reagieren die Verteidiger nach dem Urteilsspruch. „Für das, was letztlich wirklich geschah, sind es sehr hohe Strafen“, sagt Brand. Raber hält die Strafe für S. für „nicht zutreffend“, weil das Gericht keinen minderschweren Fall angenommen habe. Alle vier wollen die Urteile mit ihren Mandanten besprechen und eventuell in Revision gehen.

Aber auch die schwere Aufklärungsarbeit nach der Geiselnahme ist noch einmal Thema — die Polizei durfte erst mit einem Tag Verspätung in der JVA ermitteln (die LN berichteten). „Wie soll da die Verteidigung aussagekräftige Beweise liefern, wenn alles schon seit Monaten vorbei ist?“, fragt Anwältin Raber. Brand hat Hochachtung vor dem Gericht, weil es in monatelanger Kleinarbeit „das nachholen musste, was damals nicht rechtzeitig in die Wege geleitet wurde“.

Von Peer Hellerling

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