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Lübeck JVA-Meuterei: Häftlinge wollten Gespräch erzwingen
Lokales Lübeck JVA-Meuterei: Häftlinge wollten Gespräch erzwingen
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22:18 07.08.2017
Polizisten mit Schutzschilden bereiten sich auf ihren Einsatz in der Justizvollzugsanstalt vor. Quelle: Fotos: Holger Kröger
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St. Gertrud

Das hätte auch ganz anders ausgehen können: Als sich acht von 31 Gefangenen nach ihrer Freistunde im Hof am Sonntagnachmittag hartnäckig weigerten, in ihre Zellen zurückzukehren, rief der Schichtleiter die Polizei. Die fuhr vorsichtshalber gleich mit 15 Streifenwagen vor – es waren noch nicht alle eingetroffen, da ließen sich die Aufrührer anstandslos in ihren Hafttrakt zurückführen.

Glimpflich ging der Aufstand in der Justizvollzugsanstalt Lauerhof aus: Niemand wurde verletzt, die Gefangenen gaben auf.

„Sie wollten über die Bedingungen sprechen.Jens Franke,

stellvertretender

Anstaltsleiter

Die aufständischen Gefangenen sitzen wegen diverser Delikte ein: Die Palette reicht von Geldfälschung über schwere Diebstähle, räuberische Erpressung, erpresserischen Menschenraub und gefährliche Körperverletzung bis hin zu Mord, die Aufenthaltsdauer in der JVA von 17 Monaten bis hin zu knapp zehn Jahren.

Was sie genau mit der Anstaltsleitung klären wollten, weiß auch der stellvertretende Anstaltsleiter Jens Franke nicht. Nur so viel: „Sie wollten über die Haftbedingungen sprechen.“ Da aber weder Leiterin Silke Nagel noch er als ihr Stellvertreter vor Ort gewesen seien, habe der diensthabende Schichtleiter den Gefangenen das mitgeteilt und sie aufgefordert, freiwillig in ihr Hafthaus zurückzugehen. Andernfalls müsse er entsprechende Maßnahmen einleiten. Als auch eine zweite Aufforderung nichts brachte, habe der Schichtleiter die Polizei verständigt.

Laut Franke gibt es übrigens täglich die Möglichkeit, sich mit Beschwerden und Anregungen an die Abteilungsleiter zu wenden. „Zudem bietet Frau Nagel regelmäßig Sprechstunden an.“

Kurz vor 16 Uhr seien er und die Inspektorin vom Dienst von dem Vorfall in der JVA informiert worden und zum Ort des Geschehens geeilt. „Als wir ankamen, war die Polizei bereits da, alles war friedlich“, sagt Franke.

Selbstverständlich habe er auch die Aufsichtsbehörde, das Justizministerium in Kiel, informiert. Zu keinem Zeitpunkt sei die Situation bedrohlich gewesen, in einer Abschlussbesprechung mit Polizei und Schichtleiter sei man übereingekommen, Strafanzeige gegen die acht Gefangenen zu erstatten. Damit werde sich nun die Staatsanwaltschaft beschäftigen. Auf alle Fälle werden alle Aufständischen einzeln vernommen. Ob ihnen wegen der Weisungsverstöße Disziplinarmaßnahmen drohten, werde hinterher entschieden.

Kurios: Innerhalb weniger Stunden rückte die Feuerwehr gleich dreimal in der JVA ein. Um die Mittagszeit wurde ein Rettungswagen in den Marliring geschickt. Den Grund wollte ein Feuerwehrsprecher nicht nennen. Gegen 16 Uhr wurde dann der Polizeieinsatz von einem Rettungswagen begleitet. Und als Jens Franke gerade in Sachen Meuterei telefonierte und eine Pressemitteilung verfasste, gab es Feueralarm. Ein Löschzug der Wache II sowie die Freiwilligen Feuerwehren Israelsdorf und Schlutup rückten aus. Wie sich schnell herausstellte, gab es einen technischen Defekt in einem Raum für die zahnärztliche Behandlung der JVA – der Schwelbrand konnte schnell gelöscht werden und steht in keinem Zusammenhang mit dem Vorfall im Innenhof. Franke lobt die Zusammenarbeit mit der Polizei: „Das hat alles super geklappt.“

In der Justizvollzugsanstalt ist indes die Stimmung nicht unbedingt entspannt: Erst im März hatten zwei Inhaftierte an zwei Stellen Brände gelegt – drei Menschen erlitten eine Rauchgasvergiftung. Im Oktober 2016 gab es einen Feuerwehreinsatz, weil ein rumänischer Häftling auf einen Baum geklettert war und sich dort festgeklammert hatte, im September hatten Häftlinge so lautstark gegen das neue Strafvollzugsgesetz protestiert, dass Anwohner die Polizei alarmierten. Auch noch sehr präsent ist die Geiselnahme an Heiligabend 2014, die letztlich JVA-Leiterin Agnete Mauruschat den Job kostete.

 Sabine Risch

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